Wenn Fußball ausgrenzt
Ein Interview mit dem Autor
Viele Menschen freuen sich auf die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in den USA, Kanada und Mexiko, auch solche, die sich ansonsten eher wenig für den Sport interessieren. Andere mögen eher mit gemischten Gefühlen auf das Turnier schauen: Nicht zuletzt kam es bei der Europameisterschaft 2024 zu rassistischen Ausschreitungen auf Fanmeilen. Solche Ereignisse bringen das Problem der Diskriminierung immer wieder auf die Agenda der öffentlichen Diskussion – dabei gehören Ausgrenzung und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Fußball durchaus zum Alltag, wie David Johannes Berchem in seinem Buch zeigt.

David Johannes Berchem
Wenn Fußball ausgrenzt
Diskriminierung wirksam begegnen
2026. 222 Seiten
32,00 €
ISBN 978-3-17-046141-3
Herr Berchem, wie blicken Sie persönlich auf die WM 2026?

© Natascha Schwenzfeier
Definitiv zwiegespalten. Einerseits freue ich mich aufgrund meiner Fußballsozialisation auf das globale Sportgroßereignis, das Menschen, Religionen und Kulturen verbindet. Gerade in Zeiten von Polykrisen und geopolitischen Disruptionen ist der Fußball in der Lage, zumindest temporär einen Kompensationsraum für Ablenkung, Zerstreuung und gesellige Lagerfeueratmosphäre zu schaffen. Und gleichzeitig erinnert er uns an einen unverrückbaren Wertekanon: Toleranz, Respekt, Fairness, Gerechtigkeit, Empathie und Teamgeist. Als politischer Mensch, der in einem Land mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung sozialisiert wurde, nehme ich jedoch auch jene Dynamiken wahr, für die der FIFA-Friedenspreisträger Verantwortung trägt: Delegitimierung der Gewaltenteilung, destruktiver Abbau des Verfassungsstaates, Aushöhlung demokratischer Rechtsstaatlichkeit, Kleptokratie, Menschenjagden auf rassifizierte Personen sowie die Normalisierung von rechten Diskursstrategien und einer Feindbildrhetorik. Auch diese Fußballweltmeisterschaft wird den Beweis antreten, dass der Sport immer eine politische Dimension besitzt.
Besonders aufmerksamkeitswirksam besprochen werden oftmals Fälle von Rassismus. In Ihrem Buch zeigen Sie, dass Diskriminierung eine sehr große Bandbreite an Phänomenen umfasst. Handelt es sich Ihrer Einschätzung nach um ein strukturelles Problem?
Richtig ist, dass die mediale Berichterstattung in kontinuierlicher Regelmäßigkeit Rassismusvorfälle im Profi- und AmateurInnenfußball zum Thema macht. Nach einer kurzen Empörungswelle flacht die Aufmerksamkeit für diese gesellschaftlichen Missstände jedoch schnell wieder ab, was eine ernste, ehrliche, nachhaltige, sach- und lösungsorientierte Bearbeitung von strukturellen Problemen erschwert. Bei einer genauen Analyse wird jedoch deutlich, dass im Fußball neben Rassismus ein ganzes Spektrum an Diskriminierungsformen existiert, das im Buch diskutiert wird. Natürlich ist auch der Fußball ein sozialer Raum, der von diversen Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen geprägt ist. Vorstellungen über die Ungleichwertigkeit von Menschen bilden den Kumulationspunkt von Diskriminierung und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Mein Anliegen besteht darin, für die im Fußball existenten Gelegenheitsstrukturen und Eigengesetzmäßigkeiten zu sensibilisieren, die dazu führen, dass Vorurteile, Ausgrenzungen und Ungleichbehandlungen eher bagatellisiert, relativiert, belächelt und verharmlost werden. Die Veralltäglichung von Diskriminierung, eine steigende Akzeptanz gegenüber Ideologie der Ungleichwertigkeit und Phänomene der Entsolidarisierung erzeugen auf einer strukturellen Ebene selbstverständlich mannigfaltige Schließungstendenzen. Das führt dazu, dass Direktbetroffene dem Fußball den Rücken zukehren, weil die Anfeindungen, Dehumanisierungen und Ungleichbehandlungen nicht ihren Alltag bestimmen sollen.
Gibt es aus Ihrer Sicht ein grundsätzliches Problembewusstsein im Amateur- wie im Profibereich?
Gesamtgesellschaftlich können wir zunächst zwei Entwicklungen beobachten. Das Wissen über und die Sensibilisierung für strukturelle bzw. institutionelle Benachteiligung und Unterdrückung ist in der Bevölkerung deutlich präsenter als früher. Menschen sind sich mehr denn je bewusst, dass Diskriminierung sowohl zur Verfestigung und Stabilisierung sozialer Hierarchien als auch zur Beibehaltung eines Status quo in einem Gesellschaftssystem beiträgt, das sich durch Ungleichheit konstituiert. Globale Bewegungen wie etwa Black Lives Matter können als Kristallisationspunkte dieser gesellschaftlichen Transformationen und Horizonterweiterungen betrachtet werden. Andererseits tragen die politischen Geländegewinne von rechtspopulistischen und demokratiefeindlichen Parteien, die Verrohung der Sprache, Enthemmungseffekte und die Verschiebung der Grenzen des Sagbaren dazu bei, dass die Wissenschaft von einem „Rechtsruck“ spricht. Und der Fußball soll von alldem unbeeinflusst sein? Der Fußball wird regelmäßig als „Brennglas der Gesellschaft“ beschrieben, in dem diese hier skizzierten Tendenzen und Problemstellungen auf Menschen treffen, denen es zuweilen nicht nur an einem Problembewusstsein fehlt, sondern auch an Zeit und diskriminierungskritischen Wissensressourcen. Diese bestehenden strukturellen Lücken, die im Amateur*innen- wie im Profibereich ersichtlich werden, versucht das Buch zu adressieren.
Wie kann es gelingen, den Sport tatsächlich für alle integrativ zu gestalten?
Wir bei der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in Nordrhein-Westfalen haben uns am Anfang ein zugegebenermaßen recht utopisches Motto auf die Fahnen geschrieben: Für eine Fußballkultur ohne Diskriminierung! Das ist sicherlich zu einem gewissen Grad eine Zielformulierung, jedoch eher ein kontinuierlicher Handlungsauftrag für die Praxis, den wir allen AkteurInnen im Fußball, mit denen wir auf Augenhöhe Awareness- und Qualifizierungsformate bestreiten, mit auf den Weg geben. Es benötigt zunächst eine selbstkritische Bewusstseinsschärfung bzw. eine Einsicht darüber, dass diskriminierungskritische Widerstandspraxen auf der Mikroebene des Fußballalltags verankert werden müssen. Präventive Ansätze nehmen im Gegensatz zu punitiven Strategien eine Zentralstellung ein. Der Fußball als wirkmächtige und über breite Akzeptanzwerte verfügende Sozialisationsinstanz eignet sich besonders gut, um im sozialen Nahbereich der Menschen Demokratiearbeit zu leisten und ein Problembewusstsein für historische und gegenwärtige Ungleichwertigkeitsvorstellungen zu sensibilisieren. Hierbei gilt jedoch: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. In den letzten Jahrzehnten hat der Fußball eine ganze Reihe an empowernden Handlungskonzepten und Interventionsstrategien entwickelt, die allesamt ein Ziel verfolgen: Professionskompetenz und Handlungssicherheit im Umgang mit Diskriminierung im Fußball. Diese Konzepte und Strategien werden im Buch systematisch aufgeschlüsselt. Erfreulich wäre, wenn alle Fußballbegeisterten sich nach der Lektüre folgende Fragen stellen würden: Wie kann ich die im Buch empfohlenen Bausteine in meinen Fußballalltag integrieren? Welchen persönlichen Beitrag kann ich zu einem Fußball ohne Diskriminierung leisten? Wie werde ich zum Ally?
Weitere Informationen zum Buch finden Sie in unserem Shop.
Dr. David Johannes Berchem ist Projektleiter bei der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in Nordrhein-Westfalen (MeDiF-NRW). Zudem lehrt er an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum.