Wie sozialer Aufstieg (nicht) gelingt
Ein Interview mit der Soziologin Christina Möller
„Aufstieg durch Bildung“ – für viele Menschen bleibt dies ein leeres Versprechen. Nach wie vor haben es Kinder aus wohlhabenden, bildungsnahen Familien leichter, gesellschaftlich einen hohen Status zu erreichen. Doch wie fühlt sich der Weg „nach oben“ an, wenn die Voraussetzungen nicht so günstig sind? In ihrem Buch zeigt die Soziologie-Professorin Christina Möller, welche Hürden, Brüche und inneren Konflikte sozialer Aufstieg mit sich bringt und welche oft übersehenen Stärken AufsteigerInnen entwickeln. Im Interview spricht sie darüber, was auch ihr eigener Weg über Chancengleichheit in Deutschland verrät.

Christina Möller
Die Mühen des Aufstiegs
Wie soziale Ungleichheit unsere Lebensläufe prägt
228 Seiten, kartoniert
25 €
ISBN 978-3-17-045894-9
Frau Möller, gab es in Ihrer Biografie einen Moment, in dem Ihnen klar wurde: Das ist kein Einzelfall, das ist ein strukturelles Problem?

© EYE AM CHRIS
Ich kann mich an keinen bestimmten Moment erinnern. Vermutlich ist mir während des Studiums immer bewusster geworden, dass es soziale Ungleichheiten gibt. Zu Beginn habe ich mich viel mit ungleichen Repräsentanzen von Frauen in Machtpositionen beschäftigt. Dann stieß ich eher durch Zufall in meiner Diplomarbeit auf die Frage der sozialen Herkunft, die ich dann in meiner Doktorarbeit ganz bewusst aufgegriffen habe. Mich trieb dabei ein großes Bedürfnis, mehr darüber zu verstehen und zu forschen.
Welche ambivalenten Gefühle haben Sie beim eigenen Aufstieg am stärksten erlebt?
Ich denke, dass meine Hauptschulsozialisation mich am meisten beschäftigt hat. Trotz guter Noten bei den Nachholprozessen hatte ich immer das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Heute weiß ich, es war ein klassisches Hochstapler-Syndrom. Ich gehörte im Studium daher immer zu den stillen Studierenden und wollte möglichst unsichtbar bleiben. Die Orientierung an meinen vermeintlichen oder realen Defiziten verhinderte lange, meine Stärken zu erkennen. Diese mussten mir erst andere bewusst machen, bevor ich sie in mein Selbst integrieren konnte und mir auch mehr zutraute.
Was blendet das Narrativ „Wer will, der/die schafft es“ aus Ihrer Sicht aus?
Dieses Motto blendet nicht nur massive soziale Ungleichheiten aus, sondern legitimiert diese auch. Dies ist besonders problematisch, weil benachteiligte Gruppen häufig selbst an das meritokratische Ideal glauben, also dass jeder seines Glückes Schmied und selbst verantwortlich für sein Schicksal sei. Dies verschleiert die Macht der sozialen Herkunft und die strukturellen Vor- und Nachteile, die sich daraus ergeben. So wie sich Armut zwischen den Generationen reproduziert, reproduzieren sich auch Reichtum und Macht auf der anderen Seite.
Welche besonderen Stärken von AufsteigerInnen werden bislang am meisten unterschätzt?
Man kann soziale AufsteigerInnen – wie auch andere Gruppen – nicht über einen Kamm scheren, aber strukturell zeichnen sie sich durch eine besondere Zähigkeit aus, trotz Gegenwind Ziele zu verfolgen und durchzusetzen. Sie haben soziale Grenzen überschritten und kennen daher verschiedene Milieus, in denen sie sich bewegen und zwischen denen sie bestenfalls vermitteln können. Man kann ihnen auch eine gewisse Krisenerprobtheit unterstellen. Denn für viele ist der soziale Aufstieg nicht nur aus einer Krise entstanden, sondern auch der Aufstiegskampf in eine zuvor fremde Welt wird häufig als krisenhaft erlebt.
Welche Veränderung im Bildungs- oder Sozialsystem wäre für mehr Chancengleichheit aus Ihrer Sicht am wichtigsten?
Meiner Ansicht nach müssten Armutsbekämpfung durch steuerliche Umverteilung und ein massiver Umbau des Bildungssystems gleichzeitig geschehen. Armut und Bildungsarmut sind eng verzahnt, langfristige Bildungsinvestitionen immer mehr eine Frage des Kapitals. Das Bildungssystem selbst ist durch seine Mehrgliedrigkeit und die früh angelegte Verteilung in unterschiedliche Schulformen ein stark selektives statt integratives System. Kurz gesagt: Wir benötigen eine Art „Schule für alle“, auf der sich alle bestens entwickeln können und auf der soziale Ungleichheiten weitestgehend eingehegt werden.
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Dr. Christina Möller ist Professorin für Soziologie (Schwerpunkt Sozialstruktur und sozialer Wandel) am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund.