„Ganzheitliche Konzepte für die traumasensible Begleitung“

Ein Interview mit Rébecca Kunz

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Rébecca Kunz
Verbunden und frei
Ganzheitliche Konzepte für die traumasensible Begleitung - Ein Praxisbuch 

2026. 216 Seiten, kartoniert
€ 34,–
ISBN 978-3-17-045801-7

Liebe Frau Kunz, nach Ihrem ersten Buch „Der Liebe nah – Abschied nehmen und trauern“, das sich mit den verschiedenen Facetten von Trauerarbeit auseinandersetzt, ist Ihr Praxisbuch „Verbunden und frei“ nun Ihr zweites im Kohlhammer Verlag erschienenes Werk. Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrem Buch?

Portrait der Autorin Rébecca Kunz
Rébecca Kunz

Im Buch werden die Ursachen von innerer Unverbundenheit und Dysregulation erläutert und konkret aufgezeigt, wie dies in einem positiven Sinne verändert werden kann. Menschen in helfenden Berufen und weitere Interessierte haben mit diesem Buch, und das ist mein Hauptziel, einfach umzusetzende Übungen und Audios zur Hand, die traumasensibel aufgebaut sind. Das Fördern der inneren Sicherheit ist zentral, denn wer gern bei sich selbst zuhause ist, kann in der Folge auch besser wachsen, reifen und seine Begabungen in die Welt tragen. Das liegt in unserer Biologie. Im Buch möchte ich auch zeigen, wie Sicherheit und Freiheit sich gegenseitig bedingen. In Kurzform: Wenn sich ein Mensch innerlich sicher fühlt und sich gut regulieren kann, fallen Autonomie, und damit auch Selbstermächtigung und Expansion, leicht. 

Weshalb ist der Bezug zum Körper so wichtig und weshalb ist die Traumasensibilität von Bedeutung?

Nicht integrierte schmerzliche Erfahrungen werden im Körper gespeichert und zeigen sich u. a. in muskulärer Verspannung, einem reduzierten Immunsystem, Schlaflosigkeit, chronischem Stress und vielem mehr. Das wiederum verursacht im Alltag entsprechende Schwierigkeiten und Kompensationsmechanismen wie z. B. Suchtverhalten. Die gute Botschaft: Wenn wir unser Inneres, vor allem unseren Körper, differenziert wahrnehmen, können wir auch lernen, unsere Erregungslagen, Gefühle und Stimmungen in die gewünschte Richtung mitzulenken. Um vor einer inneren Überflutung („Schleusenöffnung“) zu schützen, sind die Übungen traumasensibel konzipiert. 
Die Traumatherapeutin Maggie Schauer sagte einmal, dass Empathiefähigkeit und Selbstreflexionsfähigkeit die wichtigsten Kompetenzen seien, die die Welt heute brauche. Ich füge dem noch die Körperwahrnehmungsfähigkeit hinzu. Letztere ist für mich die Grundlage: Erst wenn wir unseren Körper differenziert spüren, können wir unsere Gefühle fühlen (und nicht nur denken!), die dahinter liegenden Bedürfnisse wahrnehmen und daraus unser Leben authentisch und selbstermächtigt gestalten. Evolutionsbiologisch gesehen ist der Mensch übrigens ein kooperatives Wesen, d. h., mit einem höheren Bewusstsein über unsere innersten Bedürfnisse stolpern wir keinesfalls als Egomanen durch die Welt, sondern stärken auch das gesellschaftliche Miteinander.

In Ihrem Buch stellen Sie Konzepte zur Begleitung von Menschen vor und betonen die Wichtigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes. Worin genau besteht dieser Ansatz und warum ist er so bedeutsam?

Ganzheitlich heißt in erster Linie, dass wir den Körper und seine physiologischen Reaktionen ins Blickfeld rücken und die Wechselwirkungen mit unserer emotionalen Befindlichkeit verstehen. Wer sich nicht spürt, kann sich z. B. auch nicht ohne Hilfsmittel entspannen. Von diesem Nichtspüren oder vielmehr einem „Wenigspüren“ sind sehr viele Menschen betroffen. 
Zu einer ganzheitlichen Sichtweise gehören indessen nicht nur die körperliche, emotionale und gedankliche Ebene, sondern auch die geistige, spirituelle. Menschen in einer Krise sind oft auf der Suche nach Sinn und Tiefgang. Deshalb beziehe ich die geistige Dimension mit ein und setze sie in Relation zu den anderen Wahrnehmungsebenen. Auch wenn sich alles im Körper abspielt und dieser unsere Grundlage ist, sind wir doch mehr als dieser Körper und seine Reaktionen. 

Kann die geistige oder spirituelle Ebene auch eine Gefahr darstellen und zu einem Vermeidungsverhalten, bzw. einer noch größeren Selbstentfremdung, führen?

Diese Gefahr besteht tatsächlich. Nicht wenige Menschen tappen in die Falle des „Spiritual Bypassing“, d. h., sie holen sich ihren rettenden Strohhalm oder ihre Strickleiter quasi vom Himmel. Sie meinen, sie könnten damit um ihre Körperempfindungen, ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse, und vor allem ihren seelischen Schmerz einen Bogen machen oder diesen gar „wegpusten“. Das Internet ist voll von diesen Angeboten. Das mag kurzfristig eine gewisse Erleichterung bringen, ist aber nie nachhaltig, weil es mit einem Vermeiden der Körperwahrnehmung einhergeht: Ohne differenzierte Innenwahrnehmung geschieht keine Integration und Zeit heilt keine eingelagerten alten Wunden.
Wenn der Körper in seiner Ganzheit einbezogen wird, ist Spiritualität jedoch eine hilfreiche Dimension und kann uns u. a. Zugang zu unserer inneren Weisheit, unserer innersten Stimme, unserem heilen Kern ermöglichen.

Die Begriffe der „Verbundenheit“ und „inneren Sicherheit“ spielen in Ihrem Werk eine große Rolle. Was verstehen Sie darunter?

Wir sind hoch soziale Wesen und das Empfinden von Sicherheit ist in einem ursprünglichen Sinne ein körperlich-soziales, neurologisches Geschehen. Ein Baby kann sich aufgrund seines unreifen Nervensystems noch nicht selbst regulieren; es wird, wenn es Stress erlebt, im Idealfall am Körper einer nahen Bezugsperson co-reguliert, d. h. sein Nervensystem gleicht sich dem Nervensystem der (hoffentlich) regulierten und beruhigenden Person an. Wenn das zuverlässig geschieht und das Kind auch später in seinen Nöten nicht alleingelassen wird, hat es die Erfahrung gemacht: Verbundenheit spendet Sicherheit. Diese Erfahrung ist die Voraussetzung, um auch mit sich selbst und seinem Körper gut verbunden zu sein, und demzufolge zu merken, was man braucht und zu wissen, wie man sich das organisiert. Das ist für viele Menschen nicht so selbstverständlich. Gerade wenn jemand im frühen Kindesalter von nahen Bindungspersonen über längere Zeit Unzuverlässigkeit oder Mangel in der Co-Regulation oder gar Grenzüberschreitungen erlebte, führt das zu einer inneren Unsicherheit und latentem Stress. Die Übungen und Audios im Buch inspirieren dazu, eine grundlegende innere Sicherheit, und damit auch Selbstwert und Selbstvertrauen, zu fördern. Entfaltung und Lebensfülle erweisen sich erst als nachhaltig, wenn sie auf einem stabilen, sicheren Fundament gewachsen sind. Ist dies nicht so, kann bei einer größeren Belastung, also z. B. bei eine Trennung oder einem anderen schwierigen Lebensereignis, das Aufgebaute quasi wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Gibt es einen kleinen Selbsttest, um festzustellen, wo wir selbst in Bezug auf inneren Stress im Moment stehen?

Ja! Setzen Sie sich eine halbe Stunde hin und tun Sie nichts. Wenn Sie entspannt sind und es auch bleiben, ist es gut. Wenn sich Nervosität und Unruhe, kreisende Gedanken, unangenehme Gefühlslagen oder eine schlagartig auftauchende bleierne Schläfrigkeit zeigen, weniger.

In unserer heutigen Gesellschaft scheinen viele Menschen eben diese innere Sicherheit und Verbundenheit verloren zu haben. Warum ist das aus Ihrer Sicht so? 

Das ist eine große, vielschichtige Frage. Ich spreche im Folgenden ein paar zentrale Punkte an: 
Die Welt ist komplex geworden und unsere ökologischen Grundlagen waren noch nie so beeinträchtigt wie heute. Das politische Geschehen entgleitet unserer Kontrolle, demokratische Strukturen werden unterwandert. Das kann sehr verunsichern. Früher ging es den Menschen jedoch nicht besser als heute, auch wenn die Idee einer besseren Welt für die eigenen Kinder zunehmend verloren zu gehen scheint. Wir haben zumindest in unseren Breitengraden die Möglichkeiten und das Wissen, uns zu entwickeln, uns sinnvoll zu betätigen und Verbesserungen anzustreben. Gerade wer sich konstruktiv und gemäß seinen Möglichkeiten für die Welt engagiert, kann besser mit der Lage umgehen. 
Es gibt jedoch ein paar Knackpunkte: Weil Sicherheit und Verbundenheit 1:1 miteinander verschränkt sind, ist die virtuelle Welt, wenn sie suchtartig und unbewusst genutzt wird, Treiberin eines globalen Entfremdungsprozesses. Der schöne Schein, Oberfläche, Vergleiche, Bewertungs-Buttons, eine noch nie dagewesene Unverbindlichkeit und Anonymität … Gut vernetzt und schlecht verbunden, könnte man sagen. Insbesondere die immensen Auswahlmöglichkeiten binden viel Aufmerksamkeit, die dann für wirklich wesentliche Dinge fehlt. Das ist tragisch. Dazu kommt, dass wir fast alle Kriege und Unglücke in der Welt in Echtzeit mitbekommen. Das tut uns, gerade weil wir empathiefähige, soziale Wesen sind, nicht gut und wir sollten bewusst dosieren, was und welche Menge News wir konsumieren. Leider wird, im Gegensatz dazu, entsprechenden konstruktiven Projekten, die es durchaus auch gibt, medial wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ein weiterer Punkt: Wenn uns Dinge zu viel werden, schützt uns eine innere Instanz durch Abstumpfung. Das dient uns zwar kurzfristig, doch oft genug wird dann die äußere Reizquelle erhöht, was das Problem der Selbstentfremdung und Unverbundenheit, und damit einhergehend, der inneren Unsicherheit, verschärft.
Ich weiß trotz allem um die ursprüngliche soziale Kraft im Menschen. Diese ist, biologisch gesehen, nicht totzukriegen. Wir können die neuen Technologien gut brauchen in unserer Welt, wenn sie sinnvoll, d. h. im sozialen und ökologischen Sinne, eingesetzt werden. Wir sollten vermehrt lernen, selbst zu navigieren, und uns nicht von Algorithmen verführen lassen, die uns zu immer mehr und unnötigem Konsum anstiften und uns abschneiden von der Wahrnehmung unserer echten Bedürfnisse. 

In Ihrem Buch werden auch viele praktische Übungen zur Achtsamkeit und Meditation vorgestellt. Wie gelingt es Ihnen, anfangs vielleicht eher skeptische Menschen dafür zu gewinnen?

Im Buch erkläre ich Sinn und Zweck der Audios und Übungen ausführlich und stelle sie in einen größeren Kontext. Zudem bin ich, nebst Therapeutin und Seminarleiterin, durch und durch Biologin. Vielleicht überzeugt das Skeptiker:innen und motiviert sie, das Vorgeschlagene einmal unvoreingenommen zu testen und zu schauen, ob sie die eine oder andere Übung in der Begleitung, Beratung, im Coaching oder in einer Therapiesitzung anwenden möchten. 
Sein Innenleben, also seine Körperempfindungen, Stimmungen und Gefühle wahrzunehmen, ohne das Wahrgenommene zu bewerten oder wegmachen zu wollen, hat tatsächlich viel mit Achtsamkeit zu tun. Wir sind zarte Wesen! Wer Respekt und wohlwollende Zugewandtheit mit dem Üben verinnerlicht, wird mit der Zeit auch im Alltag achtsamer, verständnisvoller und liebevoller mit sich selbst umgehen. Und sich nicht bei jedem Fehler mit z. B. „Ich Depp!“ schelten. 

Ist die innere Suche nach der Verbundenheit und Sicherheit aus Ihrer Sicht etwas, das zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen ist, oder sind tägliche Übung und Selbstvergewisserung nötig, um sie dauerhaft zu erhalten? Und wie gut gelingt Ihnen das ganz persönlich?

Körperwahrnehmungsübungen sind zum Glück sehr effizient; oft wirken sie wie ein Tor, das aufgeht. Wer seinen Körper kaum spürt, dem würde ich tägliches Üben, vielleicht 3 × 5 Minuten, empfehlen, eingebaut in die Alltagsroutine. Da unser Hirn plastisch ist, zeigt sich eine spürbare Verbesserung der Innenwahrnehmung - und damit auch der Selbstregulationsfähigkeit -, schon nach ein paar Wochen oder wenigen Monaten. Wenn z. B. Klient:innen oder Teilnehmende eines Langzeitseminars auf einmal vermehrt von freudigen Erlebnissen erzählen, merke ich, dass sich etwas getan hat. Eine differenziertere Innenwahrnehmung erhöht mit der Zeit nicht nur die innere Sicherheit, sondern auch die Lebensfreude. Freude ist Energie und Expansion, und um Expansion zulassen zu können, müssen wir uns sicher fühlen.
Wer sicher mit sich selbst verbunden ist, zeigt hinsichtlich Sicherheit im normalen Alltag keine wesentlichen Suchbewegungen mehr. Doch achtsame „Checks“ sind tatsächlich so normal wie das Zähneputzen. Sie dienen jedoch nicht mehr der Sicherheit, denn das Fundament ist gebaut, sondern der Psychohygiene und dem inneren Wachstum. Im Buch wird dazu der „Sieben-Ebenen-Check“ empfohlen. Der menschliche Reifeprozess und die Entwicklung zu immer mehr innerer Freiheit ist nie abgeschlossen. 
Die Erfahrung eines stabilen Fundamentes erlebe ich auch persönlich. Ich erfahre mich als stabil und gleichzeitig sensibel. Das macht mich kreativ und verbindet mich mit meiner Lebensfreude und meiner Kraft. Noch habe ich keine Ahnung, wie das mit dem Älterwerden wird und wie ich damit umgehen kann, wenn die Kräfte schwinden oder ich vielleicht krank werde. Zumindest weiß ich, dass ich schon vieles geschafft habe im Leben und ich halte mich an Pippi Langstrumpf, die einst sagte: „Das habe ich noch nie gemacht. Also werde ich das sicher schaffen!“ Ich liebe dieses kleine, humorvolle „also“.

Dienen die Übungen auch den Menschen in helfenden Berufen selbst?

Auf jedem Fall! Wir können nichts geben, das wir nicht haben. Wenn wir Menschen, die wir begleiten, die Erfahrung von Sicherheit vermitteln wollen, ist es Voraussetzung, dass wir selbst gut verkörpert sind, uns differenziert wahrnehmen, und uns in unserem Körper wohl fühlen und entspannt sind. Damit strahlen wir nicht nur Sicherheit, sondern auch Lebendigkeit, Leichtigkeit und Zuversicht aus. Das, was Unterstützungssuchenden oft fehlt. Eine gute Innenweltpflege gehört zudem ganz allgemein zur Selbstfürsorge, wenn wir Menschen in irgendeiner Art und Weise begleiten. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Rébecca Kunz ist Biologin und Therapeutin mit u. a. trauma- und körpertherapeutischem Schwerpunkt. Sie ist als Seminarleiterin sowie in eigener Praxis bei Bern in der Schweiz tätig.