„Wir tun viel zu wenig
zur Verhinderung von Verwirrtheit im Krankenhaus“

Ein Interview mit den Herausgebern von „Das demenzsensible Krankenhaus“

Buchcover Das Demenzsensible Krankenhaus von Markus Horneber und Rupert Püllen

Markus Horneber/Rupert Püllen (Hrsg.)
Das demenzsensible Krankenhaus
Grundlagen und Praxis einer patientenorientierten Betreuung und Versorgung 

2025. 441 Seiten mit 24 Abb. und 14 Tab.
€ 79,–
ISBN 978-3-17-044655-7

Herr Dr. Püllen, Herr Dr. Horneber, „Das demenzsensible Krankenhaus“ war schon im Jahr 2019, beim Erscheinen der ersten Auflage, gesellschaftlich relevant. Inwiefern hat sich die Wichtigkeit dieses Themas erhalten oder ist vielleicht sogar noch stärker geworden?

Autorenportrait von Dr. rer. pol. Markus Horneber
Dr. rer. pol. Markus Horneber

Die demografische Entwicklung ist vorangeschritten: Es gibt mehr ältere Menschen und somit mehr Personen, die von Verwirrtheit bedroht sind, wenn sie stationär behandelt werden müssen.

Auch die Medizin hat sich weiterentwickelt: Der wirtschaftliche Druck und die zunehmende Spezialisierung lenken den Blick der behandelnden Ärzte immer fokussierter auf das Kernproblem, das zu einem stationären Aufenthalt führt. Eine drohende kognitive Verschlechterung ist aber selten das Hauptproblem, das zu einer stationären Aufnahme führt. Wird dieses Problem allerdings nicht erkannt und behandelt, dann wird die kognitive Verschlechterung zum Hauptproblem bei der Entlassung. In einigen Fällen heißt es dann: Operation geglückt, Patient ist aber leider verwirrt und muss in eine Pflegeeinrichtung.

Was war Ihnen bei der Überarbeitung der zweiten Auflage besonders wichtig – worauf haben Sie den Fokus gelegt?

Es war wichtig, jedem Autor die Möglichkeit zu geben, seinen Beitrag auf den neuesten Stand zu bringen. Ein weiterer Aspekt war, die Praxisnähe zu stärken. Deshalb gibt es in der zweiten Auflage ein Kapitel, in dem ein Kognitionsteam die eigene Arbeit in einem demenzsensiblen Krankenhaus beschreibt.

Autorenportrait von PD Dr. med. Rupert Püllen
PD Dr. med. Rupert Püllen

Sie heben im Vorwort den zentralen Begriff der evidenzbasierten Prävention hervor. Können Sie das noch etwas ausführen?

Einen Verwirrtheitszustand zu therapieren, ist schwierig und oft wenig erfolgreich. Umso wichtiger ist somit die Prävention. Es gibt viele Ansätze zur Verhinderung einer Verwirrtheit, insbesondere eines Delirs, doch nur für wenige gibt es Evidenz, also wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit. 

Interessanterweise liegt eine gute Evidenz für nicht medikamentöse Maßnahmen der Delirprävention vor; dagegen fehlt die Evidenz für den allgemeinen Einsatz von Medikamenten zur Delirprävention.

In einer Zeit, in der für zahlreiche Indikationen Medikamente angepriesen werden, war es uns wichtig herauszustellen, dass im Gegensatz zu vielen anderen Krankheitsbildern in diesem Fall die wissenschaftliche Grundlage für den Einsatz von Medikamenten sehr gering, während sie für einfache Maßnahmen einer im weitesten Sinne patientenzentrierten Kommunikation und Behandlung sehr gut ist.

Die Beiträge im Werk gehen differenziert auf alle relevanten Aspekte ein, die ein Krankenhaus demenzsensibel machen. Können Sie für den Leser/die Leserin in einem kurzen Fazit darstellen, was die Essenz des Bandes ist?

Das Fazit des Buches lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Verwirrtheit im Krankenhaus ist ein häufiges und großes Problem.
  2. Es wird eher von Angehörigen als von Ärzten wahrgenommen.
  3. Wir tun viel zu wenig zur Verhinderung von Verwirrtheit im Krankenhaus.
  4. Verwirrtheit lässt sich durch einfache Maßnahmen verhindern.
  5. Die Prävention ist Teamarbeit.

Was erhoffen Sie sich von der Rezeption des Bands?

Wir erhoffen uns einen Nutzen für die Patienten. Wenn durch dieses Buch auch nur bei einzelnen Patienten ein Delir verhindert wird und somit die Alltagsfähigkeit nach stationärer Behandlung erhalten bleibt, dann hat sich in unseren Augen der Aufwand gelohnt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dr. rer. pol. Markus Horneber ist Vorstandsvorsitzender von Agaplesion in Frankfurt am Main.
PD Dr. med. Rupert Püllen war bis 2024 Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik am Agaplesion Markus Krankenhaus, Frankfurt am Main.