Betreute Kindheit
Ein Interview mit dem Autor
Mehr Plätze, mehr Fachkräfte, mehr frühe Bildung – nie wurde mehr über die Kindertagesbetreuung in Deutschland nachgedacht, mehr in sie investiert und mehr von ihr erwartet als seit den 1990er Jahren. Dennoch ist die Qualität der Betreuungsangebote häufig unbefriedigend, die Entlastung der Eltern nicht verlässlich, und die Bildungschancen der Kinder sind nach wie vor ungleich verteilt. Die Politik der frühen Bildung hat ihre Versprechungen nicht eingelöst.
Michael-Sebastian Honig geht in seinem neuen Buch von der Frage aus, wie die Pädagogik der frühen Kindheit auf diesen ernüchternden Befund reagiert. Sie fordert mehr Geld, mehr Personal, mehr Professionalität. Aber reicht es, „mehr vom Selben“ zu fordern, oder muss man nicht grundsätzlicher ansetzen und fragen, was organisierte Kleinkinderziehung leisten kann? Im Interview spricht der Autor darüber, dass die Kindertagesbetreuung nicht nur für Kinder da ist, über Kindertageseinrichtungen als pädagogische Organisationen und über Möglichkeiten und Grenzen organisierter Bildung und Betreuung.

Michael-Sebastian Honig
Betreute Kindheit
Pädagogik und Politik der Kindertagesbetreuung
2026. 219 Seiten. Kart.
€ 36,–
ISBN 978-3-17-031781-9
Herr Honig, seit Jahrzehnten wird in Kitas ausgebaut, reformiert und an Qualität gearbeitet. Warum fällt Ihre Bilanz so kritisch aus?
Was ich kritisiere, ist weniger, dass die Politik der Kindertagesbetreuung auch nach über dreißig Jahren ihre Versprechungen nicht einlösen kann – diese Bilanz wird vielerorts gezogen, bis hinauf zur Bundesfamilien- und -bildungsministerin. Ich kritisiere vielmehr, dass Wissenschaft und Praxis der frühkindlichen Erziehung sich nicht die Frage stellen, was die Politik früher Bildung stattdessen bewirkt. Die Pädagogik der frühen Kindheit setzt sich nicht mit dem Strukturwandel der Kindertagesbetreuung auseinander, sondern konzentriert sich darauf, die Förderung junger Kinder zu verbessern. In diesem Sinne hat sie eine didaktische Fragestellung. Meine These lautet: Die Wissenschaft von der Förderung junger Kinder in Kindertageseinrichtungen blendet die Organisiertheit der Kindertagesbetreuung aus. Daher ist sie ein Teil des Scheiterns, das sie beklagt.
In Ihrem Buch heißt es sinngemäß: In der Kindertagesbetreuung geht es nie nur um Kinder. Ist das eine Provokation – oder eine notwendige Klarstellung?
Mein Buch enthält zahlreiche zugespitzte Formulierungen, aber ich will niemanden provozieren. Die Notwendigkeit außerfamilialer Kleinkinderziehung hat viele Gründe. Sie entsteht im ausgehenden 18. Jahrhundert als Instrument gegen die Armut großer Teile der Bevölkerung. Das gilt in zeitgemäßer Form bis heute: Kinder zu haben, muss man sich leisten können. Diese einfache Tatsache verbirgt sich auch in der Formel von der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ – nur dass sie heute auf die Mütter gemünzt ist, die nicht mehr selbstverständlich allein für die Betreuung der Kinder zur Verfügung stehen sollen, während den Vätern die Aufgabe des Familienernährers zukommt. Worum geht es bei der Kindertagesbetreuung: Müttern die Erwerbsarbeit zu ermöglichen oder die Entwicklung von Kindern zu fördern? Ergänzen sich die beiden Ziele? Das sind heiße Themen. Es ist entscheidend, zu erkennen, dass die professionelle Bildung und Betreuung in Kindertageseinrichtungen versucht, eine pädagogische Antwort auf ein nicht-pädagogisches Problem, auf den Niedergang der male breadwinner family zu geben.
Wissenschaft und Praxis der frühen Bildung reagieren auf die Defizite der Kindertagesbetreuung in der Regel mit Forderungen nach mehr Geld, mehr Personal, kleineren Gruppen, besseren Konzepten u. a. m. Greifen diese Forderungen aus Ihrer Sicht zu kurz?
Es ist keine Frage, dass mehr Geld, mehr qualifiziertes Personal etc. für die frühkindliche Bildung wünschenswert sind. Diese Forderungen sind auch nicht umstritten; das ist aber nicht der Punkt. Die Pädagogik der frühen Kindheit neigt dazu, zu übersehen, dass die Politik früher Bildung, die diese Ressourcen zur Verfügung stellen muss, andere Prioritäten hat als sie. Von der Kindertagesbetreuung wird vieles erwartet, nicht nur Kinder zu fördern. Wenn man beispielsweise die Dokumente der Europäischen Union liest, die zur Jahrtausendwende den „Startschuss“ zu den Reformen der vergangenen Jahrzehnte gegeben haben, findet man dort kein Wort über Kinder, ihr Wohlergehen und ihre Entwicklung, aber viele Worte über wirtschaftliches Wachstum. Eine Pädagogik der frühen Kindheit, die den Staat als gewissermaßen natürlichen Bündnispartner bei der Verwirklichung ihrer Ziele und Werte versteht, täuscht sich nicht nur über die heteronomen Interessen am Kind, sondern auch darüber hinweg, dass diese Selbsttäuschung sie selbst in einen dilemmatischen Bezug zum Kind bringt. Sie muss daher ihre Grenzen bzw. entsprechend: die Bedingungen ihrer Möglichkeiten in den Blick nehmen, wenn sie weiterkommen will.
Sie nehmen nicht nur die pädagogische Beziehung, sondern die Kita als Organisation in den Blick. Was verändert sich, wenn man die Kindertagesbetreuung so betrachtet?
Im Grunde drängt sich ein organisationsbezogener Blick auf die Kindertagesbetreuung geradezu auf, wenn man sich erst einmal klargemacht hat, dass sie eine nicht-familiale, eine organisierte Betreuung ist. Professionelle Erzieherinnen und Erzieher sind keine Mütter bzw. Väter. Kindertageseinrichtungen sind pädagogische Organisationen. Sie haben mit nicht-pädagogischen Organisationen mehr Ähnlichkeit als mit der familialen Lebenswelt. Für die Kinder ergibt sich daraus eine spezifische Herausforderung. Sie müssen sich die Regeln aneignen, nach denen diese Organisationen funktionieren, und sie müssen den Unterschied zwischen einem Leben in der Familie und dem Leben in der Kindertageseinrichtung lernen: Man spricht von einer dual socialization. Eine organisationsbezogene Herangehensweise öffnet also den Blick dafür, welche Herausforderung der Besuch einer Einrichtung frühkindlicher Betreuung für die Bildungsprozesse junger Kinder bedeutet. In Anspielung auf Siegfried Bernfeld, einen Klassiker der Erziehungswissenschaft: Es ist die Kindertageseinrichtung als Organisation, die erzieht.
Was meinen Sie mit „betreuter Kindheit“ – und was sagt dieser Begriff über das Aufwachsen von Kindern heute aus?
Ich habe den Begriff nicht erfunden, und er wird auf unterschiedliche Weise verwendet. Häufig soll er ausdrücken, wie sehr der Ausbau der Kindertagesbetreuung seit den 1990er Jahren das Leben junger Kinder verändert hat: Immer mehr Kinder besuchen immer früher und für einen immer längeren Teil des Tages eine Einrichtung der Betreuung und Bildung. In diesem Sinne soll der Ausdruck „Betreute Kindheit“ sagen: Der Besuch einer Krippe, eines Kindergartens oder einer Einrichtung der Tagespflege ist zur Normalität geworden. Aber die Veränderung geht darüber hinaus. Die Politik der frühen Bildung weist Kindern eine eigenständige Position zwischen Familie und Staat zu, sie ist Kindheitspolitik. Sie macht die Organisation der Kindheit zu einem Schlüsselthema gesellschaftlichen Wandels. Kinder sind eine Investition – nicht für ihre Eltern, die sie hoffentlich lieben, sondern für den Staat. Der Ausbau frühpädagogischer Organisationen bringt eine neue soziale Form des Kindes hervor: das Kind der Kindertagesbetreuung. Diese Formierung der Kindheit durch organisierte Bildung und Betreuung lässt sich an politischen Diskursen und professionellen pädagogischen Praktiken beobachten; ich diskutiere im dritten Teil meines Buches einige Beispiele.
Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser nach der Lektüre anders sehen als zuvor?
Das Buch richtet sich an ein breites Spektrum von Lesern. Gewiss handelt es sich in erster Linie um ein erziehungswissenschaftliches Buch, das Forscher und Studenten interessieren kann. Es richtet sich aber auch an die anderen Akteure des frühpädagogischen Feldes: an Fachkräfte, journalistische Beobachter, Politiker u. a. m. Sie alle gehen mit unterschiedlichen Fragen und Interessen an die Kindertagesbetreuung heran. Ich möchte meine Leser mit dem Gedanken vertraut machen, dass die professionelle Kindererziehung „betreute Kindheiten“ hervorbringt, wenn sie sich daran macht, Kinder zu fördern. Die einen behandeln Kinder als Knetmasse bildungs- und sozialpolitischer Strategien, andere sehen sie als „kleine Forscher“, die sich auf eigene Faust ihren Weg ins Leben suchen, nur mit einem eingeborenen Orientierungsvermögen ausgestattet. Daran schließt sich die entscheidende Frage an, welche Rolle die Kinder in pädagogischen Organisationen spielen. Kinder bilden eine Grenze der Erziehbarkeit, ohne ihre Mitwirkung geht nichts. Was bedeutet dies für eine Pädagogik, die weiß, dass sie gleichsam die Software pädagogischer Organisationen ist? Worin erkennt sie ihre Verantwortung, und woher nimmt sie die Kraft, die Fantasie und die Kompetenz, um eine Betreuungswirklichkeit zu bewerkstelligen, die ihrem Anspruch gerecht wird, mehr zu sein als eine organisationale Pädagogik, eine Pädagogik von Organisationen? Kann sie Grenzen in Möglichkeiten verwandeln? Diese Fragen lassen sich nur praktisch und experimentell beantworten.
Prof. Dr. rer. soc. habil. Michael-Sebastian Honig war zunächst lange am Deutschen Jugendinstitut (DJI) tätig, ehe er 1997 Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Trier wurde. 2008 wechselte er an die Universität Luxemburg, die ihn 2016 emeritierte. Seine Veröffentlichungen beschäftigen sich vor allem mit der paradoxen Normalität von Gewalt im Alltag von Familien, mit der Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen in der Erziehungswissenschaft und mit Theorie und Empirie organisierter Bildung und Betreuung in der Kindheit.