Schule zwischen KI und Kreidestaub
Ein Interview mit dem Autor
Starre Stundenpläne, Notendruck, Frontalunterricht – während Digitalisierung und KI im Alltag bereits unser Leben auf den Kopf stellen, hängt in vielen Schulen noch der Kreidestaub der Vergangenheit. Schule funktioniert noch überwiegend so wie vor 100 Jahren, obwohl sich unsere Welt längst radikal verändert hat. Die Folge: Für viele junge Menschen ist Schule nur noch eine demotivierende Lernfabrik von gestern. Doch das muss nicht so bleiben.
Im April erscheint das neue Buch von Jan Vedder – ein leidenschaftlicher Impuls, Schule neu zu denken. Im Interview spricht der Autor über den Mut zum „Teilabriss“, über gelingenden Schulwandel in der Praxis und darüber, warum echte Veränderung bei Haltung, Lernkultur und Zusammenarbeit beginnt.

Jan Vedder
Schule zwischen KI und Kreidestaub
Ein Leitfaden für Lernorte mit Zukunft
2026. 237 Seiten, kartoniert
ISBN 978-3-17-047026-2
Schule muss sich grundlegend ändern. Reicht Sanierung oder braucht es einen (Teil-)Abriss?

Für viele junge Menschen ist Schule nur noch eine demotivierende Lernfabrik von gestern: 45-Minuten-Takt, fehlende Partizipation und veraltete Inhalte. Zusätzlich verspüren Schülerinnen und Schüler immer mehr Druck durch Prüfungen, Noten und Selektion. Das darf nicht so bleiben! Ich bin davon überzeugt, dass wir Schulen in zukunftsfähige und bildungsgerechte Lernorte verwandeln können, an denen es um Selbstwirksamkeit, echte Erfahrungen und Potenzialentfaltung geht. Ja, für so eine mutige Neugestaltung von Schule braucht es dann wohl so etwas wie einen Teilabriss.
Schule ist aus der Zeit gefallen und funktioniert aus ihrer Sicht nach Regeln von vor 100 Jahren – was hat sich besonders überlebt?
Kennzeichen unserer schulischen Lernorganisation ist weiterhin Fremdbestimmung. Vorgegebene Inhalte, festgelegte Ziele und ein starrer Stundenplan blenden wichtige Aspekte von Lernen aus. Unterricht bietet so kaum Raum für Leidenschaften und die Interessen der jungen Menschen. In einer Schule, an der es ausschließlich um Wissen, Prüfungen und Noten geht, gibt es eben keine echten Sinn- und Erlebnisräume. Und wir wundern uns dann über fehlendes Engagement der jungen Generation. Statt wie vor 100 oder 200 Jahren noch auf eine Lehre im Gleichschritt zu setzen, müssen wir endlich anfangen, die Perspektive des Lernens in den Fokus zu nehmen.
Ihr Buch setzt stark auf Praxisnähe: Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem Schulwandel im Alltag tatsächlich gelungen ist?
An meiner eigenen Schule sind wir vor über sechs Jahren den Schritt weg von klassischen Fächern gegangen und setzen seitdem auf das sogenannte themenorientierte Lernen. Der Stundenplan ist nicht mehr geprägt von kleinen, nicht zusammenhängenden Portionen, sondern von längeren Lernzeiten. Dieses Konzept basiert auf fächerübergreifenden Phasen, Lernen im Sinnzusammenhang und ist ein Paradebeispiel für eine neue Lernkultur. Denn immer dort, wo Schulen konsequent auf die Bausteine »individuelles und selbstgesteuertes Lernen«, »kooperatives und kollaboratives Lernen« und »kreatives und gestalterisches Lernen« setzen, kann der Lernkulturwandel gelingen.
Es gibt einzelne Leuchtturmprojekte wie Ihre eigene Schule – warum reichen diese aus Ihrer Sicht nicht aus, einen echten Wandel einzuleiten?
Die Transformation von Schule steht und fällt maßgeblich mit den Lehrern und Lehrerinnen. Sie müssen Taktgeber der Veränderung sein. Alle Anstrengungen von einzelnen Schulen werden aber nicht reichen, wenn schulische Bildung nicht auch politisch eine andere Priorität erhält. Unsere Bildungskrise ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und sie kostet Geld. Wir brauchen mindestens einen Doppelwumms für Bildung, denn Wertschätzung beginnt schon mit den Räumen, in denen Kinder und Jugendliche viele Stunden ihrer ersten beiden Lebensjahrzehnte verbringen. Am Ende landet man immer – egal ob Schulklos, Sporthallen, Mobiliar oder Systembetreuung von Tablets – bei der Frage: Was ist unserer Gesellschaft Bildung eigentlich wert?
Wenn sich die Schule auf den Weg machen würde. Was wäre aus Ihrer Sicht der wichtigste und erste Schritt?
»Schule im Wandel« ist immer auch ein Aufruf zum Verlassen von eigenen Komfortzonen. Dafür braucht es mutige Schulleitungen, ein innovationsbereites Kollegium und eine Gemeinschaft, die Veränderungen gemeinsam trägt. Jede Veränderung beginnt im Kleinen: in der eigenen Klasse, im eigenen Handeln. Sie erfordert aber auch Haltung: Kann ich mir eine Rolle als Lernbegleitung in Projektphasen überhaupt vorstellen? Kann ich Fehler als Lernchancen in meinem Unterricht zulassen? Jeder erste Schritt zählt, wenn wir wirklich etwas verändern wollen. Das können beispielsweise ein veränderter Umgang mit Leistungsbewertung und Prüfungsformaten oder neue Formen der kollegialen Zusammenarbeit im Kollegium sein. Ganz nach dem Motto: Machen ist wie Wollen, nur krasser!
Jan Vedder ist Lehrer, Schulentwickler und leitet bundesweit Fortbildungen für eine Schule im Wandel. Schon seit mehr als zehn Jahren inspiriert er Schulen, Unterricht neu zu denken und fit für die Zukunft zu machen (www.vedducation.de).