Lernen im Rettungsdienst

Von vergangenen Zeiten und Zukunftsaussichten der Notfallsanitäter:innen

Die Ausbildung zum/zur Notfallsanitäter:in besteht seit 2014 und sieht eine drei-jährige duale Berufsausbildung vor, die mit einer Examensprüfung endet. Inzwischen gibt es einige etablierte Lehrbücher für die Ausbildung, doch das vorliegende Werk „Anne im Rettungsdienst. Ein Lehrroman für die Notfallsanitäterausbildung“ verwendet die alternative Lehrmethode des Storytellings. In Form eines Romans begleiten die Lesenden die Hauptfigur Anne Reinhardt durch die gesamten drei Jahre ihrer praktischen Ausbildung zur Notfallsanitäterin bis zum Staatsexamen.

Im Interview spricht der Autor über alternative Lernwege und den Wandel der Ausbildung, über den immer größer werdenden Anteil an Frauen in diesen Berufsbildern und darüber, wie er selbst im Rettungsdienst gelandet ist – und nicht mehr gehen wollte.

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Volker Koch
Anne im Rettungsdienst
Lehrroman für die Notfallsanitäterausbildung

2026. 298 Seiten. Kart.
€ 29,–
ISBN 978-3-17-047462-8

Lieber Herr Koch, Sie sind selbst seit vielen Jahren im Rettungsdienst und haben Ihre Ausbildung wahrscheinlich noch ganz anders erlebt. Wie war das bei Ihnen und was ist für Sie der größte Unterschied zur derzeitigen Ausbildung?

Portrait von Volker Koch
Volker Koch

Ja, die letzten dreißig Jahre im Rettungsdienst waren bewegte und spannende Zeiten, in denen das Berufsbild sich ständig weiterentwickelt hat. Doch der Moment, in dem ich mich für ein Berufsleben in der Notfallrettung entschieden habe, liegt viel früher als man vielleicht denkt. Schon als Jugendlicher war ich in der Jugendfeuerwehr und im Jugendrotkreuz aktiv. Dort hatte ich meine ersten echten Berührungspunkte mit Gefahrenabwehr, Brandbekämpfung, Sanitätsdiensten und Erster Hilfe. Genau da wurde der Grundstein für das gelegt, was später mein Beruf werden sollte. Meinen eigentlichen Einstieg in den Rettungsdienst habe ich dann allerdings erst nach meiner kaufmännischen Berufsausbildung durch den Zivildienst gefunden, wie viele meiner damaligen Kollegen auch.

Ein Umweg, der Sie dann aber nicht mehr losgelassen hat?

Ja. In den Neunzigerjahren habe ich zuerst als Rettungshelfer, dann als Rettungssanitäter und später als verantwortlicher Rettungsassistent auf dem Rettungswagen meine Dienste geleistet. Ich bin davon überzeugt: Hätte es damals schon die heutige dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter gegeben, ich wäre ohne Umwege direkt dort gestartet.

2014 kam dann die neue, dreijährige Ausbildung zum/zur Notfallsanitäter:in. Wie haben Sie diese Reform erlebt?

Als einen echten Wendepunkt. Mit der Einführung des neuen Ausbildungsberufs wurde der bisherige Beruf des Rettungsassistenten nicht mehr ausgebildet. Für viele von uns „alten Hasen“ eine bedeutende Neuaufstellung. Im Jahr 2017 habe ich dann selbst die staatliche Ergänzungsprüfung zum Notfallsanitäter abgelegt und mich im Anschluss zum Praxisanleiter weitergebildet.

Inzwischen sind Sie also auch als Lehrkraft tätig und können einschätzen wie Ihre Schüler:innen am besten lernen. Was hat Sie dazu inspiriert, diesen Lehrroman zu schreiben? 

Mich hat vor allem die Erfahrung als Lehrkraft und Praxisanleiter dazu inspiriert, denn Lernen funktioniert im Rettungsdienst ganz anders, als wir es aus der klassischen Schule gewohnt sind. Ich habe immer wieder erlebt, dass Auszubildende zwar sehr viel Fachwissen besitzen, aber Schwierigkeiten haben, dieses Wissen auf reale Situationen zu übertragen. Gerade die Verbindung zwischen Theorie und Praxis ist eine große Herausforderung.

Genau an dieser Stelle wollte ich mit „Anne im Rettungsdienst“ ansetzen. Ich wollte kein weiteres Lehrbuch schreiben, sondern zeigen, dass man auch durch Geschichten lernen kann. Anne erlebt Situationen, macht Erfahrungen, spricht mit ihren Kollegen und ihrem Ausbilder und reflektiert anschließend, was sie daraus gelernt hat. Dadurch werden medizinische und rettungsdienstliche Inhalte mit Erfahrungen, Kommunikation, Teamarbeit und der Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz verbunden.

Würden Sie also sagen, dass solch alternative Lernwege die Art der Zukunft sind?

Ich glaube durchaus, dass alternative Lernwege wie dieser Lehrroman in Zukunft eine größere Bedeutung bekommen werden. Allerdings sehe ich sie nicht als Ersatz für Lehrbücher, Unterricht oder praktische Ausbildung. Vielmehr geht es um das informelle Lernen aus realen Erfahrungen. Der große Vorteil des Storytellings liegt für mich darin, dass Wissen in einen Zusammenhang gebracht wird. Eine Geschichte bleibt häufig besser im Gedächtnis als eine Aufzählung von Fakten. Wenn Anne beispielsweise einen schwierigen Einsatz erlebt und anschließend gemeinsam mit ihrem Ausbilder darüber nachdenkt, was gut gelaufen ist und was sie beim nächsten Mal anders machen könnte, wird aus einem Einsatz eine Lernerfahrung.

Das klingt, als hätte diese Art des Lernens viel Zukunftspotential und als wäre da einiges im Wandel.

Auch andere Bereiche des Rettungsdienstes werden durch stete Entwicklung geprägt: Denn, im Gegensatz zum generellen Gesundheitswesen, ist dieser noch sehr stark männlich aufgestellt. Doch Ihre Hauptfigur, Anne Reinhardt, ist eine Frau. Wie schätzen Sie diese Entwicklung mit Blick in die Zukunft ein? Wird der Berufszweig für Frauen attraktiver und wenn ja, warum?

Als ich in den Neunzigern anfing, kamen die meisten jungen Kollegen über den Zivildienst zum Rettungsdienst. Durch diesen Umstand hatten Frauen nahezu keinen Zugang zum Rettungsdienst und diese Personalrekrutierung aus dem (Wehr-)Ersatzdienst hat die Personalstruktur auf den Wachen jahrzehntelang geprägt. Doch 2011 wurde die Wehrpflicht dann ausgesetzt. Mit ihr fiel auch der Zivildienst weg. An diese Stelle trat verstärkt das Freiwillige Soziale Jahr, dazu kam neu der Bundesfreiwilligendienst. Beide offen für Männer und Frauen. Mit Einführung des Rettungsassistentengesetzes 1989 konnten bereits Frauen wie Männer den Beruf Rettungsassistent:in erlernen, und es entstand zunehmend ein hauptamtlicher Fachkräftebereich, doch jetzt kamen zum ersten Mal junge Frauen in größerer Zahl auf die Wachen. Nicht weil sich etwas an der Aufgabe geändert hätte. Sondern weil eine strukturelle Hürde einfach wegfiel. Das war der eigentliche Wendepunkt. Spätestens seit der Einführung der dreijährigen Ausbildung im Jahr 2014 kann man aus meiner Sicht nicht mehr von einem männerdominierten Beruf sprechen und der Frauenanteil nimmt weiter stetig zu. Als Lehrkraft an der Rettungsdienstschule sehe ich immer mehr Schulklassen, in denen der Frauenanteil sogar überwiegt.

Ich glaube, der Beruf wird für Frauen weiter an Attraktivität gewinnen. Nicht, weil sich das Berufsbild grundlegend wandelt. Sondern weil die alten Zugangsbarrieren gefallen sind und junge Frauen heute selbstverständlich sehen: Hier zählt fachliches Können, wie Teamfähigkeit, Kommunikation und Fachwissen. Genau deshalb war mir wichtig, dass Anne im Roman eine Frau ist. Kein Statement. Sondern einfach die Realität auf unseren Wachen heute. Die heutige Generation Z entscheidet sich wesentlich bewusster für den Rettungsdienst als eigenständigen Ausbildungs- und Berufsweg. Das hat meiner Meinung nach auch dazu beigetragen, dass das Berufsbild professioneller und anspruchsvoller geworden ist. 

Vielen Dank für Ihre Antworten und diesen tollen Lehrroman, Herr Koch!