Psychiatrie als Beziehungsmedizin

Im Gespräch mit Thomas Fuchs

In seinem Buch „Psychiatrie als Beziehungsmedizin“ legt Prof. Thomas Fuchs verständlich dar, worauf die Psychiatrie als eine Wissenschaft und Praxis von biologischen, psychischen und sozialen Beziehungen, ihren Störungen und ihrer Behandlung gründet. Die 2. Auflage ist im Frühjahr 2026 neu erschienen.

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Thomas Fuchs
Psychiatrie als Beziehungsmedizin
Ein ökologisches Paradigma 

2026. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage, 236 Seiten, kartoniert
€ 34,–
ISBN 978-3-17-047080-4

Im Jahr 2008 erschien erstmalig Ihr wegweisendes Buch „Das Gehirn – ein Beziehungsorgan“, das seit 2025 in 7. Auflage vorliegt. Was hat Sie dazu bewegt, mit „Psychiatrie als Beziehungsmedizin“ ein neues Buch zu verfassen, das an jenes Werk anknüpft?

„Das Gehirn – ein Beziehungsorgan“ ist ein Grundlagenwerk, das die philosophische Theorie der Verkörperung mit einer „ökologischen“ Konzeption des Gehirns verknüpft. Die Anwendung dieser Konzeption auf die Psychiatrie fiel damals nur kursorisch aus. Daher erschien es mir wichtig, eine neue Darstellung des Verkörperungsparadigmas zu verfassen, die in erster Linie unserem Verständnis von psychischen Störungen und ihrer Behandlung dient und an die Stelle des aus meiner Sicht unbefriedigenden „biopsychosozialen Modells“ treten kann.

Der Untertitel Ihres neuen Buches lautet: „Ein ökologisches Paradigma“. Was meint und umfasst diese „Ökologie“ im Kontext der Medizin?

In der Alltagssprache gebrauchen wir den Begriff der Ökologie natürlich in erster Linie für unsere natürliche Umwelt. Hier beschreibt er die Beziehungen von Lebewesen zu ihrer Umgebung und das komplexe System der Biosphäre. Aber in analoger Weise können wir auch von einer Human- oder Sozialökologie sprechen, nämlich um die Beziehungen einer Person zu ihrer sozialen Umgebung zu bezeichnen, also ihren sozialen oder Lebensraum. Auch das Gehirn lässt sich als ein Organ auffassen, das die Beziehungen der Person zu ihrer Umwelt vermittelt und durch diese Beziehungen geformt wird. Für psychische Krankheiten wiederum bedeutet dies, dass sie nicht ohne die Betrachtung dieser Beziehungen angemessen verstanden werden können. Daher braucht die Psychiatrie, ja die Medizin insgesamt ein ökologisches Paradigma.

Bedingt durch den Gegenstand ihres Faches sind Psychiater im klinischen Alltag zumeist auch als Psychotherapeuten gefragt und arbeiten Seite an Seite mit Kollegen benachbarter medizinischer Fachbereiche (wie der Psychosomatik) und Disziplinen (Klinische Psychologie, Pflege, Therapieberufe). Was macht den ökologischen Ansatz auch für diese relevant, und inwieweit könnte in diesem eine Chance für eine gelingende multiprofessionelle Zusammenarbeit liegen?

Psychiater gehen traditionell von einem medizinischen Verständnis psychischer Krankheit aus, d.h. sie suchen deren Ursachen im Körper, und hier natürlich in erster Linie im Gehirn. Andere Professionen jedoch, die mit psychisch kranken Menschen zu tun haben, sehen andere Aspekte der Person und auch der Prozesse, die zu psychischen Störungen beitragen – Aspekte, die eher die Beziehungen und Interaktionen von Person und Umwelt umfassen.

In einem ökologischen Paradigma sind nun diese Zugänge nicht mehr ein bloßes „add on“, sondern gleichberechtigte Ansätze zum Verständnis und zur Behandlung einer Störung. Ein solches Paradigma kann aber darüber hinaus auch helfen zu verstehen, wie die verschiedenen Behandlungsansätze ineinandergreifen, so dass sie komplementär zueinander eingesetzt werden können. Das scheint mir eine wichtige Voraussetzung für eine gemeinsame Identität in einem multiprofessionellen Team.

Die im Frühjahr 2026 erschienene 2. Auflage haben Sie u.a. um Aspekte des personalen Selbstverhältnisses und der Hierarchie von Erlebnisebenen erweitert. Was kann man sich darunter vorstellen?

Zunächst geht es darum, dass der verkörperte und enaktive Ansatz für sich genommen die existenzielle Ebene der Person noch nicht einbezieht. Sie beruht auf der Selbstreflexion und ist von zentraler Bedeutung gerade für psychotherapeutische Verfahren. Daher habe ich diese Ebene nun ergänzt. 

Zum anderen beruht die Konzeption von Psychopathologie als Integrationsstörung, wie ich sie im Buch entwickle, auf einer Hierarchie von psychischen Funktionen – von basalen Leibzuständen über Stimmungen und Gefühle bis hin zu Wahrnehmung und Denken –, die einander wechselseitig beeinflussen. Diese Schichtung habe ich nun deutlicher herausgearbeitet.  

Welche besondere Relevanz hat der Ansatz Ihres Buches mit Blick auf die zunehmend eskalierenden ökologischen und sozialen Krisen unserer Zeit?

Auch ein verkörperter, humanökologischer Ansatz ist heute nicht mehr denkbar ohne seine Einbettung in eine Ökologie der natürlichen Mitwelt. Wir wissen heute, welchen Einfluss etwa die Wohnumgebung, der Anteil von Grünflächen, die Urbanisierung, Migrationsbewegungen und ökologische Veränderungen bis hin zur Klimakrise auf die psychische Gesundheit haben. Ein Verständnis der Psyche als „extended“ und „embedded“, ausgedehnt und eingebettet, führt die individuelle, die soziale und die ökologische Perspektive zusammen – das ist letztlich auch die politische Dimension des Buchs. 

Sie sind seit 2010 Inhaber der Karl-Jaspers-Professur für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg. Weshalb empfehlen Sie, über 50 Jahre nach dem Tode von Karl Jaspers, heutigen Studierenden, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen und welche seiner Schriften ist aus Ihrer Sicht für einen Einstieg in dessen Lektüre besonders geeignet?

Karl Jaspers hat eigentlich das Subjekt erst in die Psychiatrie eingeführt, das ist sein bleibender Verdienst. Alle späteren Autoren, die das Erleben psychischer Krankheit untersucht haben, gehen von seinem Werk aus, und das sollten wir auch heute noch tun. Wer sich nicht gleich seine „Allgemeine Psychopathologie“ zumuten möchte, dem empfehle ich die „Gesammelten Schriften zur Psychopathologie“, und darin besonders „Die phänomenologische Forschungs-richtung in der Psychopathologie“.

Vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Fuchs, Psychiater und Philosoph, ist Karl-Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg.