Verhaltenstherapie – Das Lehrbuch für Medizin und Psychologie
Interview mit dem Herausgeberteam
Das neu erschienene, umfangreiche Lehrbuch zur Verhaltenstherapie (VT) bietet einen fundierten Überblick über lerntheoretische Grundlagen, altbewährte sowie moderne und integrative Techniken und Methoden wie auch das praktische Vorgehen der klassischen und kognitiven Verhaltenstherapie. Es richtet sich an angehende und erfahrene FachärztInnen sowie ärztliche und psychologische PsychotherapeutInnen.
Im Interview sprechen wir mit dem Herausgeberteam über die Stärken der Verhaltenstherapie, die Zielsetzung des Lehrbuchs sowie zukünftige Entwicklungen.

Batra/Wesselmann/Philipsen (Hrsg.)
Verhaltenstherapie
Das Lehrbuch für Medizin und Psychologie
2025. 652 Seiten mit 51 Abb., 61 Tab., gebunden
129,00 €
ISBN 978-3-17-045390-6

Was hat Sie persönlich dazu bewogen, VerhaltenstherapeutIn zu werden?
Die Verhaltenstherapie verbindet ein fundiertes Verständnis psychischer Erkrankungen mit einem klaren Fokus auf Veränderung und konkrete Problemlösung. Sie arbeitet transparent, partnerschaftlich und auf Augenhöhe mit den PatientInnen. Zudem ist die Verhaltenstherapie nicht starr, sondern integrativ: Sie übernimmt verschiedene Techniken und Methoden, die sich als wirksam und hilfreich erwiesen haben. Unter anderem diese Vorteile haben uns alle drei von diesem Therapieansatz überzeugt.
Was sind aus Ihrer Sicht die Stärken der Verhaltenstherapie? Wo liegen ihre Grenzen?
Verhaltenstherapie ist sehr gut zu vermitteln und damit auch sehr gut erlernbar. Es handelt sich nicht um irgendeine Art von „Herrschaftswissen“, sondern um ein transparentes, offenes und operationalisierbares Verfahren.
Wie jedes Verfahren stößt aber auch die Verhaltenstherapie bei einzelnen PatientInnen an Grenzen. Wird jedoch die individuelle Lern- und Lebensgeschichte sorgfältig berücksichtigt, erweist sich die Verhaltenstherapie in vielen Fällen als ausgesprochen wirksam.

Welche VT-Interventionen halten Sie im klinischen Alltag für unterbewertet?
Letztlich kann sich jede Intervention nur in ihrer kontextuellen Einbettung entfalten, daher ist die Frage schwer zu beantworten. Ohne eine tragfähige Beziehung kann die Wirkung jedweder Intervention verpuffen, und ohne ein gemeinsames Modell und eine motivationale Grundlage auch. Verhaltenstherapie ist eben nicht eine Sammlung von Methoden, sondern eine Haltung, die geprägt ist von Neugier, Pragmatismus und einem lösungsorientierten Hier-und-Jetzt-Bezug.
Wenn wir dennoch etwas hervorheben sollten, würden wir zwei Interventionen wählen: Einmal die klassische Verhaltensanalyse, da sie – so trocken und mühsam sie scheint – unheimlich wertvolle Erkenntnisse für Automatismen geben kann und den diagnostischen Prozess auf wertvolle Weise präzisiert. Zum anderen sind Interventionen, die der Gefühlsregulation dienen, möglicherweise unterbewertet. Ein dysfunktionales Gefühl (zu stark, nicht angemessen, aus der Vergangenheit rührend) zu erkennen, es abzuschwächen und dann vielleicht sogar gegenteilig zu handeln, ist die Grundlage vieler Therapien, und nicht etwa nur von Therapien der emotionalen Instabilität. Beide Interventionen erfordern viel therapeutische Erfahrung und vor allem Zeit.
Was war Ihre Motivation, das große Lehrbuch zur Verhaltenstherapie herauszugeben?
Uns allen ist eine hochwertige und fundierte psychotherapeutische Weiterbildung ein wirkliches Herzensanliegen! Gute Psychotherapie setzt ein solides theoretisches Fundament und die Vertrautheit mit einer breiten Palette wirksamer Techniken voraus. Das Lehrbuch vermittelt diese praxisnah insbesondere an angehende FachärztInnen sowie ärztliche und psychologische PsychotherapeutInnen in Aus- bzw. Weiterbildung
Mit diesem Buch wollen wir zudem einen Beitrag dazu leisten, dass Psychiatrie und Psychotherapie auch zukünftig nur zusammen gedacht werden. Wichtig waren uns daher ein hoher Anwendungsbezug, der eine einfache Integration in den stationären und in den ambulanten Alltag ermöglicht.

Wie unterscheidet sich Ihr Lehrbuch von anderen Standardwerken? Was macht es einzigartig?
Die Idee dieses Lehrbuches ist es, AnfängerInnen zu Profis zu machen, ihnen die Grundlagen der Verhaltenstherapie zu vermitteln und Appetit zu machen auf weiterführende Entwicklungen. Der störungsspezifische Ansatz passt hervorragend in den stationären klinischen Alltag und ist auch für eine ambulante Psychotherapie geeignet.
Welche Entwicklungen erwarten Sie für die Zukunft der Verhaltenstherapie? Und wie spiegelt das Lehrbuch diese wider?
Die Verbindung zwischen Verhaltenstherapie, psychodynamischen Verfahren und systemischer Therapie wird in Zukunft immer enger werden. Vielfalt und therapeutische Pluralität waren in der VT schon immer wichtig, auch wenn dies nicht auf Kosten der Evidenzbasierung und methodischen Stringenz gehen darf. Gerade aus diesem Grund war es uns wichtig, die – evidenzbasierte – therapeutische Vielfalt auch im Hinblick auf verfahrensübergreifende Themenschwerpunkte und Interventionen im Lehrbuch abzubilden.
„Enhanced Psychotherapy“ – die Verbindung von neurowissenschaftlichen Erkenntnissen mit somatischen und pharmakologischen Ergänzungen – und die Berücksichtigung prädiktiver Faktoren werden den differenziellen Einsatz von psychotherapeutischen Interventionen erleichtern. Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden wichtige Hilfsmittel sein, um Versorgungsengpässe zu überwinden, eine kultursensitive Psychotherapie und die Intensivierung interkultureller Kompetenzen werden uns in der Weiterentwicklung der Psychotherapie begleiten. Auch zu diesen Aspekten gibt das Lehrbuch einen Ausblick.
Vielen Dank für das Gespräch.
Prof. Dr. med. Anil Batra, Stv. Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Tübingen.
Dr. med. Ute Wesselmann, Leiterin der VT Münster – Gesellschaft für verhaltenstherapeutische Aus- und Weiterbildung.
Univ.-Prof. Dr. med. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Bonn.