Oberdeutsche Kaufleute in Genua 1350–1490

Marco VeronesiAnlässlich des Erscheinens des Bandes Oberdeutsche Kaufleute in Genua 1350-1490 (= Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde, Reihe B: Forschungen, Band 199) von Marco Veronesi wurde das folgende schriftliche Interview geführt:

Woher kommt die Idee, sich mit deutschen Kaufleuten in Genua zu beschäftigen?

Ganz einfach: Man wusste bisher schon sehr viel über diejenigen oberdeutschen Kaufleute, die Handels­beziehungen nach Venedig unterhielten. Es waren die ganz großen Namen des Nürnberger Patriziats, die oft auch über gute Verbindungen zum Kaiser verfügten. Ich wollte also wissen, wer von den oberdeutschen Kaufleuten in Genua anzutreffen war, der zweiten großen italienischen Seehandelsrepublik und größten Konkurrentin Venedigs. Waren es dieselben Kreise oder ganz andere?

Und wie kommt man den Kaufleuten in Genua auf die Spur, welches waren Ihre Quellen?

Umschlag von "Kaufleute in Genua 1350-1490" In den oberdeutschen Archiven findet sich zu dieser Frage fast nichts. Im Staatsarchiv in Genua finden sich dagegen hunderttausende notariell beurkundete Verträge, sozusagen das gesamte Gedächtnis der Stadt. Unter unzähligen Testamenten, Lehrlingsverträgen, Wechselgeschäften, Gerichtsbeschlüssen und vielen anderen Dingen, die sich in völliger Unordnung befinden, lassen sich mit der notwendigen Geduld auch die Spuren der oberdeutschen Kaufleute finden – Verträge kommerzieller Natur, welche die Kaufleute notariell beurkunden haben lassen. Es handelt sich dabei aber meist um die „Kurz­fassungen“ der Notare für den Hausgebrauch, die äußerst schwer zu entziffern sind.

Wer heute eine Ausbildung zum Kaufmann macht, lernt vor allem zu kalku­lieren und die Bücher zu führen, er ist für die Logistik zuständig und kennt sich im Marketing aus. Wie hat man sich die Kaufleute des Spätmittelalters vorzustellen? Zogen Sie mit ihren Maultieren durch die Lande und machten Tauschgeschäfte?

Solche „Wanderhändler“ gab es natürlich immer noch und auch noch lange danach. Aber die im überregionalen und internationalen Handel tätigen Kaufleute kommen dem Bild des „modernen“ Kaufmanns in mancher Hinsicht doch recht nahe. Sie schlossen sich zu größeren Gesellschaften zusammen und waren durch Agenten an den damaligen Metropolen des Handels vertreten. Ohne Buchführung und eine geordnete Kommunikation innerhalb dieser Unternehmen war dies nicht mehr zu bewältigen. Liest man sich die wenigen überlieferten Unterlagen solcher Firmen durch, sieht man schnell: es wurde mit spitzem Bleistift gerechnet, man hielt die Zentrale stets über Angebot und Nachfrage auf den jeweiligen Märkten auf dem Laufenden und versuchte, Verschiebungen auf diesen Märkten möglichst langfristig vorauszusehen. Das wichtigste dabei war aber die stete Kommunikation: Regelmäßig mahnten die sogenannten „Hauptherren“ in der Zentrale ihre Angestellten, sie mögen doch mit ihren Briefen nicht immer so lange auf sich warten lassen.

Entstanden also wirklich viele der heute gängigen Finanztechniken im Mittelalter?

Es gab noch keine Aktien und auch keine Derivate. Aber die Grundlagen wurden gelegt: Die oberdeutschen Kaufleute in Genua hatten Girokonten bei den großen Genueser Bankhäusern und sie benutzten Wechsel, um Geld zu transferieren, um Bilanzen innerhalb des Unternehmens auszugleichen und natürlich um an Kredit zu kommen. Wichtige Geschäfte wurden außerdem notariell beurkundet. In den zu hunderttausenden überlieferten Urkunden der Genueser Notare finden sich, bringt man die nötige Geduld auf, auch die deutschen Kaufleute. Diese sogenannten Notariatsimbreviaturen waren auch die Grundlage der Arbeit. Gerade im 15. Jahrhundert ist außerdem die Entstehung neuartiger Unternehmensformen zu beobachten: Arbeiteten bis dahin alle am Unternehmen beteiligten Personen auch in der Firma mit, konnte man sich nun auch rein kapitalistisch an solchen Unternehmen beteiligen, ohne große Risiken einzugehen: die Geburtsstunde der Kommanditgesellschaft. In deren Zentrum standen aber meist weiterhin Mitglieder ein und derselben Familie.

Wer waren also die in Genua tätigen oberdeutschen Kaufleute, und was führte sie nach Genua?

Noch im 12. und 13. Jahrhundert zogen vor allem die Kaufleute der Bodenseeregion in großer Zahl nach Genua, um die oberschwäbische Leinwand zu verkaufen, die dann in den gesamten Mittelmeerraum verschifft wurde. Die Leinwand war ein echter „Exportschlager“ – ohne den genuesischen Markt hätte sich das Leinwandgewerbe der Bodenseestädte kaum so prächtig entwickelt. Im Gegenzug erwarben die oberschwäbischen Kaufleute die luxuriösen Orientwaren: Seide, Gewürze, Farbstoffe. Aber das war im späteren Mittelalter vorbei. Die Leinwand spielte nur noch eine Nebenrolle, und an orientalischer Seide und Gewürzen hatten die oberschwäbischen und die anderen oberdeutschen Kaufleute kein Interesse mehr. Genua bot den Oberdeutschen inzwischen aber, ganz anders als Venedig, die Möglichkeit zur unbeschränkten Teilhabe am genuesischen Schiffsverkehr. Für einige der Unternehmen wurde Genua deshalb zum Dreh- und Angelpunkt zwischen ihren Niederlassungen in Mailand, Barcelona, Valencia, Genf und Brügge. Es waren sehr innovative und unternehmungsfreudige Kaufleute. Sie stammten meist nicht aus den bekannten großen oberdeutschen Kaufmannsfamilien und versuchten, neue Wege zu gehen.

Mussten die oberdeutschen Kaufleute denn nicht die Konkurrenz der großen italienischen Handelshäuser fürchten?

Doch, aber sie schlugen sich gut dabei. Der Humpis-Gesellschaft gelang es sogar, große Teile des Geschäfts mit der begehrten spanischen Wolle an sich zu bringen und eine dominante Rolle auf den Märkten der oberitalienischen Tuchstädte zu spielen. Durch ihre gleichzeitige Präsenz sowohl an den Produktionzentren in Katalonien, wo die Gesellschaft oft die Produktion ganzer Dörfer im Voraus aufkaufte, am Umschlagplatz in Genua sowie auf den Märkten der Lombardei hatte die Gesellschaft einen deutlichen Informations- und Kommunikationsvorteil gegenüber den italienischen Konkurrenten.

Was wurde noch gehandelt?

Fast alles, was irgendwie Profit versprach. Aus Nürnberg brachte man Kupfererz und Messing, aber auch Stacheldraht sowie sibirische Pelze und den roten Farbstoff Karmesin, aus Mailand Nägel, Nadeln, Knöpfe, aus Brügge und London die teuren englischen und flandrischen Wolltuche sowie Tapisserien, aus Katalonien getrocknete Früchte, Zucker, Salz und Reis, aus dem Königreich Neapel Alaun, das zum Beizen von gefärbten Tuchen und von Leder benutzt wurde. In Genua selbst kaufte man vor allem Korallen, die meist zu Knöpfen, Rosenkränzen oder Amuletten verarbeitet waren, und später dann die berühmten Genueser Seidenstoffe: Brokat, Samt, und Taft.

Gab es auch Konkurrenz unter den oberdeutschen Kaufleuten?

Nur selten, etwa wenn sich einige Kaufleute aus einer größeren Gesellschaft verabschiedeten und fortan auf eigene Faust operierten. Grundsätzlich befand man sich größtenteils im Einvernehmen und half sich sogar gegenseitig und vermittelte den anderen wichtige Kontakte. Schließlich musste man sich ja immer wieder gemeinsam bei der Kommune Genua um Handelsvergünstigungen bemühen, und man wählte auch gemeinsam den Konsul der Deutschen. Als gegen Ende des 15. Jahrhunderts allerdings auch die Fugger versuchten, in Genua Fuß zu fassen, wehte plötzlich ein schärferer Wind.

Fanden sich unter den oberdeutschen Kaufleuten in Genua auch richtige „Unternehmerpersönlichkeiten“?

Zwar dringt man aufgrund der überlieferten Quellen nur sehr selten zur Persönlichkeit der Kaufleute vor, aber bisweilen lassen vielleicht auch ihre Geschäfte auf die Persönlichkeit der Kaufleute schließen. Die Nürnberger Gebrüder Rotmund etwa handelten von Lübeck bis Genua und ahnten die Probleme voraus, die den Genuesen durch das Vordringen der Türken am Schwarzen Meer entstehen würden. Die ebenfalls aus Nürnberg stammenden Gebrüder Zeringer versuchten ihre schlecht gehenden Geschäften durch einen Sklaventransport von Kaffa nach Genua zu beleben, wurden dabei aber irgendwo im europäischen Osten bis aufs Hemd ausgeraubt. Als schillerndste Figur unter den Kaufleuten dürfte aber ein gewisser Georg Sur gelten: Seine Herkunft ist völlig unbekannt, er tauchte um 1460 plötzlich in Genua auf und spielte eine zentrale Rolle innerhalb der Gemeinschaft der Oberdeutschen. Wenige Jahre später war er so reich geworden, dass die Entführung seiner Tochter durch einen Sprößling der Genueser Doria höchste politische Kreise tangierte, bis hin zum Herzog von Mailand, der sich für ihre Freilassung einsetzte. Aber Sur starb schon 1474, und bald nach ihm seine drei Söhne. In den Unterlagen der genuesischen Staatsbank wird um die Mitte des 16. Jahrhunderts aber immer noch seine Tochter geführt, mit enormen, in Genueser Rentenpapieren angelegten Summen.

Wir danken Ihnen für Ihre Mühe und Ihre Zeit.

Das Interview führte Dr. Boris Bigott, Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg.

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