Interview mit unserer Autorin Beate Land

Beate LandProf. Dr. med. Beate Land ist Ärztin und Professorin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim. Dort leitet sie den Studiengang Angewandte Gesundheits- und Pflegewissenschaften.

Frau Professorin Land, in Ihrer aktuellen Publikation haben Sie sich mit dem deutschen Gesundheitssystem befasst. Wie kamen Sie auf die Idee, sich diesem Thema anzunehmen?

In Gesprächen mit Beschäftigten im Krankenhaus und in Pflegeeinrichtungen habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Pflegende aber auch Ärzte und Therapeuten mitunter nur über wenig Wissen zu den strukturellen und finanziellen Besonderheiten im deutschen Gesundheitswesen verfügen. Das ist aber essentiell, wenn Sie mit der Geschäftsführung oder dem Controller diskutieren möchten. Ökonomische Rahmenbedingungen haben einen großen Einfluss auf die zur Verfügung stehenden Ressourcen, sei es in Form von Material, Medikamenten oder vor allem in Form von Personal. Und das beeinflusst auch Therapieentscheidungen. Wenn man pflegerisch und empathisch aber eben auch ökonomisch handeln möchte, muss man die Strukturen kennen, in denen man tätig ist.

Als Ärztin sind Sie auf das Gebiet der Anästhesie spezialisiert. Wie haben Sie Ihren Berufsalltag erlebt, welche Erfahrungen haben Sie mit der Pflege gesammelt?

Während meiner gesamten Studienzeit habe ich bereits im Pflegedienst gearbeitet und mir damit mein Studium finanziert. Insbesondere meine Erfahrungen auf der herzchirurgischen Intensivstation haben mich gelehrt, dass eine patientenorientierte Versorgung nur gelingen kann, wenn alle beteiligten Berufsgruppen „auf Augenhöhe“ miteinander arbeiten. Das Gleiche gilt im OP und im Rettungsdienst. Dort sind meiner Erfahrung nach hierarchische Strukturen deutlich weniger ausgeprägt, als auf medizinischen Normalstationen. Hierarchien und Standesdünkel sind einer patientenorientierten Versorgung aber abträglich.

Wie kamen Sie dazu den Studiengang Angewandte Gesundheits- und Pflegewissenschaften zu leiten? Was hat Sie bewegt, sich der Pflegewissenschaften anzunehmen?

Umschlag von "Das deutsche Gesundheitssystem – Struktur und Finanzierung"Nachdem ich berufsbegleitend einen Master in Health Care Management abgeschlossen hatte, war der Studiengang Angewandte Gesundheits-und Pflegewissenschaften für mich die perfekte Chance, um mein medizinisches und betriebswirtschaftliches Wissen nutzen zu können, um durch die Ausbildung neuer Fachkräfte dazu beizutragen, die Berufsgrenzen zu überwinden, die mich in meiner klinischen Tätigkeit so gestört haben. Ich bin weiterhin optimistisch, dass dort, wo Pflegekräfte, Ärzte und Therapeuten im interprofessionellen Team auf wissenschaftlicher Basis zusammenarbeiten und ihre Fachexpertise mit dem entsprechenden beruflichen Selbstverständnis zum Wohl des Patienten nutzen, unser Gesundheitssystem den Herausforderungen der demographischen Entwicklung gewachsen ist.

Was zeichnet Ihren Studiengang Angewandte Gesundheits- und Pflegewissenschaften aus? Wie läuft ein idealtypisches Studium an der DHBW ab?

Da Pflegeberufe besonderen gesetzlichen Reglementierungen unterliegen, haben wir uns für eine ausbildungsintegrierende Struktur des Pflegestudiums entschieden. Um den Vorgaben des Pflegeberufegesetzes zu entsprechen, beginnt das Pflegestudium an der DHBW mit dem 2. Ausbildungsjahr. Bis zum Pflegeexamen wechseln sich Praxisphasen in der Klinik bzw. der Pflegeeinrichtung mit Theoriephasen an der Pflegeschule und an der Hochschule ab. Mit Beendigung der Ausbildung kommen die Studierenden in unser „klassisches“ DHBW-System, das heißt 3-monatige Praxisphasen in der Pflege wechseln sich ab mit 3-monatigen Theoriephasen an der Hochschule. Innerhalb von 4 Jahren erlangt man also zwei Abschlüsse: Das Pflegeexamen und den Bachelor of Science. Damit kann man dann entweder eine akademische Karriere weiterverfolgen oder sein Wissen direkt in der Patientenversorgung einbringen, um die Versorgungsqualität zu verbessern und veraltete Strukturen aufzubrechen. Hier eröffnet der zusätzliche Bachelor­abschluss auch noch später im Berufsleben den Wechsel in andere Aufgabenfelder oder ein weiterführendes Studium.

Was raten Sie jungen Pflegenden, die ihre berufliche Stellung durch ein akademisches Studium qualifizieren wollen? Wie können Pflegende mehr Zufriedenheit im Berufsalltag gewinnen?

Die wichtigste Voraussetzung für ein akademisches Studium ist Neugier. Das Interesse, Neues zu erfahren, Fachwissen zu erwerben aber vor allem sich persönlich weiterzuentwickeln. Ich denke das ist auch der Schlüssel zur beruflichen Zufriedenheit. Wo ich mich nicht mehr weiterentwickeln kann, wo Stillstand herrscht, wo keine neuen Ideen entstehen können, hält Frustration Einzug. Und mit steigender Frustration sinkt die Arbeitsmotivation und -qualität und es gerät die eigene Gesundheit in Gefahr. Und bevor das geschieht, man also entweder krank wird oder genervt den Job an den Nagel hängt, sollte man rechtzeitig Möglichkeiten suchen, um weiter neugierig zu bleiben. Wo ich als Spezialistin einen eigenen Verantwortungsbereich habe, wo mein Wissen und meine Expertise gefragt sind, wo ich Anerkennung und Wertschätzung erfahre, hat berufliche Frustration oder Burnout keine Chance.

Ist ein duales Studium auch für etablierte Pflegende zu empfehlen?

Da das ausbildungsintegrierende Studienprogramm nur für Auszubildende entwickelt wurde, haben wir zusätzlich ein vom Bildungsministerium gefördertes Studienprogramm für bereits examinierte Pflegekräfte entwickelt, das sehr erfolgreich am DHBW Standort Stuttgart angeboten wird. Zudem wird 2019 ein berufsbegleitendes Masterprogramm für Pflegekräfte und weitere Gesundheitsfachberufe starten, das eine akademische Weiterqualifikation ermöglicht. Damit eröffnen sich alle Möglichkeiten der akademischen Karriere bis hin zur Promotion. Damit hat man die Wahl, ob man als qualifizierte Expertin in der klinischen Versorgung, im Management oder in der Lehre arbeiten möchte.

Was wünschen Sie sich für unser deutsches Gesundheitssystem? Welche Entwicklung wäre Ihrer Meinung nach ideal, um die Versorgung für alle Menschen sicher zu stellen?

Durch die demografische Entwicklung und die entsprechenden ökonomischen Zwänge wird der Druck zur effizienten ressourcenschonenden Patientenversorgung immer größer. Damit das nicht auf Kosten der Versorgungsqualität geht brauchen wir Fachkräfte, die neben ihrem spezifischen Fachwissen auch über Management-Kompetenzen und ein ökonomisches Verständnis verfügen. Und die bereit sind, über den Tellerrand der eigenen Berufsgruppe hinaus eine interprofessionelle, auf den einzelnen Patienten zugeschnittene und die Sektorengrenzen überschreitende Versorgung zu gewährleisten. Da haben berufsständische Eigenarten und Befindlichkeiten nichts mehr verloren, denn da geht es um Versorgungsqualität und langfristige Zufriedenheit mit dem eigenen Tun. Ich wünsche mir für die Zukunft mehr wertschätzendes Miteinander, selbstkritisches Überprüfen vermeintlich bewährter Strukturen und einen wissenschaftlich fundierten Diskurs. Wenn wir eine gerechte Versorgung dauerhaft sicherstellen wollen, brauchen wir Mitarbeiter in allen Versorgungsbereichen, die kreative Ideen entwickeln, „Altbewährtes“ hinterfragen, Schwachstellen erkennen und Ressourcen so einsetzen, dass sie bestmöglich genutzt werden.

Wir danken Frau Professorin Land vielmals für dieses interessante Interview und wünschen ihr weiterhin viel Erfolg und Freude bei der Leitung des Studiengangs Angewandte Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der DHBW Mannheim.

Das Interview stammt von der Website kohlhammer-pflege.de

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