Neuauflage “Handbuch Schulpsychologie” | Mitherausgeber Klaus Seifried im Interview

Dipl.-Psych. Klaus Seifried

Anlässlich des Erscheinens der 2. Auflage des Werkes “Handbuch Schulpsychologie” führten wir mit dem Herausgeber Klaus Seifried das folgende schriftliche Interview.

Herr Seifried, was macht eigentlich ein Schulpsychologe? Ist er erst einmal der erste Ansprechpartner für sämtliche Konflikte und Krisen an einer Schule?

Wir sind der psychologische Fachdienst für die Schule. Das heißt, dass Lehrkräfte sich an uns wenden, wenn sie Fragen zum pädagogischen Umgang mit Lern- oder Verhaltensproblemen, Gewaltvorfällen oder Krisen von Schülern haben. Ebenso kommen Eltern oder auch Schülerinnen und Schüler selbständig und bitten um Rat. Neben dieser Einzelfallberatung arbeiten wir auch systembezogen. Das heißt, wir beraten Schulleiterinnen und Schulleiter, bieten Coaching oder Supervision für einzelne oder Gruppen an und führen Studientage oder Fortbildungen in Schulen durch.

Es gibt zum Teil große strukturelle Unterschiede zwischen den verschiedenen Bundesländern. Lässt sich dennoch ein einheitliches Berufsprofil ausmachen?

Umschlag von "Handbuch Schulpsychologie"Die Versorgung mit Schulpsychologinnen und Schulpsychologen ist in Großstädten wie Hamburg, Düsseldorf, München oder Berlin ähnlich. Ein Schulpsychologe ist dort für rund 5.000 Schülerinnen und Schüler oder durchschnittlich 10 Schulen zuständig. In Landkreisen ist die Versorgung deutlich schlechter.
Dennoch gehen alle Kinder und Jugendlichen zur Schule und haben ähnliche Lern- und Verhaltensprobleme, Konflikte mit Mitschülern, Lehrkräften oder ihren Eltern, geraten in Persönlichkeitskrisen und benötigen psychologische Hilfen. Auch die Systemkonflikte und Schulentwicklungsprobleme sind häufig ähnlich. Insofern hat der Berufsverband Deutscher Psychologen ein einheitliches Berufsprofil für Schulpsychologen erstellt, das unter www.bdp-schulpsychologie.de abrufbar ist.

Welche gesellschaftliche Bedeutung hat die Schulpsychologie im internationalen Vergleich?

Deutschland hat als hochindustrialisiertes und reiches Land im Vergleich zu anderen Industrienationen eine sehr schlechte Versorgung mit Schulpsychologen. Der internationale Standard, z. B. in den USA oder skandinavischen Ländern, liegt bei 1:1.000, bzw. 1:2.000. Dort werden Sie an jeder größeren Schule einen Schulpsychologen finden. In Deutschland liegt das Verhältnis Schulpsychologe : Schüler bei starken regionalen Schwankungen im Durchschnitt bei 1:8.600. Das gesamte Bildungssystem ist in Deutschland trotz einiger Verbesserungen in den letzten Jahren deutlich unterfinanziert.

Das Handbuch Schulpsychologie ist kürzlich in der 2. Auflage erschienen. Was ist neu gegenüber der 1. Auflage von 2007? Es scheint einem ganz neuen Konzept zu folgen.

Wir haben das Handbuch völlig neu konzipiert. Stefan Drewes und Marcus Hasselhorn sind als Herausgeber neu in das Team gekommen. Dadurch haben wir das Buch neu gegliedert und auch inhaltlich anders ausgerichtet.Eigentlich ist es ein neues Buch und nicht nur eine 2. Auflage. Damit möchte ich natürlich alle Leserinnen und Leser, auch diejenigen, die bereits die erste Auflage haben, neugierig machen.
Besonders wichtig war mir, dass wir neben erfahren Schulpsychologinnen und Schulpsychologen aus der Praxis auch viele bekannte Wissenschaftler als Autoren gewinnen konnten. Dadurch stellt das Handbuch eine Brücke zwischen Forschung und Berufspraxis der (Schul-)Psychologie her. Dieser Transfer zwischen Wissenschaft und Berufspraxis findet in den Sozialwissenschaften und auch in der Schulpsychologie zu wenig statt. Ich hoffe, dass das Handbuch hierzu einen Beitrag liefert.

Sie haben viele Experten aus der Wissenschaft und aus der Praxis gewinnen können. Für wen ist dieses Handbuch gedacht?

Wir wünschen uns, dass das Handbuch sowohl für Wissenschaftler, als auch für Schulpsychologen in der Praxis von Interesse ist. Aber auch Beratungslehrerinnen und Beratungslehrer, Schulleiter und Seminarleiter können hier wichtige Anregungen finden, ebenso Lehrende und Lernende an den Universitäten.

Wir danken Ihnen sehr für das Interview, Ihre Zeit und Mühe.

Das Interview führte Ulrike Albrecht.

Surftipp: Unter dem Namen “Einführung in die Schulpsychologie – Was gehört zu den Aufgaben eines Schulpsychologen?” kann man auf www.zeit.de zehn Fragen zum Thema beantworten!

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