Was machen eigentlich Sportpsycholog*innen? – Interview mit den Herausgebern des Werkes „Sportpsychologie“

Von links nach rechts:
Jörn Munzert ist Professor für Sportpsychologie und Bewegungswissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er war von 2003-2005 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) und von 2005-2008 Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Sportpsychologie.
Markus Raab ist Professor für Sportpsychologie an der Deutschen Sporthochschule Köln und zugleich Professor an der London South Bank University. Von 2009-2012 war er Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Sportpsychologie. Er ist Vizepräsident für Forschung der Europäischen Vereinigung für Sportpsychologie (FEPSAC).
Bernd Strauß ist Professor für Sportpsychologie an der Universität Münster. Von 2001-2004 war er Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Sportpsychologie und ist seit 2011 zusammen mit Nikos Ntoumanis (AUS) Editor-in-Chief der Zeitschrift “Psychology of Sport and Exercise”. Von 2003-2009 fungierte er als Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, seit 2013 ist er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp).

Wie kann ich mir das Berufsfeld von Sportpsycholog*innen vorstellen? Welche Aufgaben haben Sportpsycholog*innen?

Ihre Frage zielt zunächst einmal auf den Bereich der Angewandten Sportpsychologie, der sich in den letzten zwanzig Jahren stark entwickelt hat. Hier hat sich tatsächlich ein Berufsfeld entwickelt, das man relativ gut beschreiben kann. Sie haben nach den zentralen Aufgaben von Sportpsychologinnen gefragt. Nach Auffassung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp), der übergreifenden wissenschaftlichen Organisation für die Sportpsychologie, folgt eine seriöse sportpsychologische Arbeit dem Dreiklang von Diagnostik, Intervention und Evaluation. Das sind unserer Auffassung nach die zentralen Aufgaben von Sportpsychologinnen im Feld der Angewandten Sportpsychologie. Die dazu relevanten Kompetenzen basieren auf einem wissenschaftlichen Fundament, das an den Universitäten entwickelt und vermittelt wird. Die asp in Deutschland und andere kontinentale Sportpsychologie-Organisationen unterstützen die postgraduelle Ausbildung und zertifizieren sportpsychologische Expertinnen. In der Öffentlichkeit weniger bekannt sind die Aktivitäten von Sportpsychologinnen bei der Planung und Evaluation von Gesundheitsinterventionen für die Prävention und Rehabilitation für verschiedene Zielgruppen. Dabei sind die Grenzen zur Gesundheitspsychologie eher fließend.
Es ist vielleicht ganz interessant zu sehen, dass sich im Angelsächsischen eine begriffliche Differenzierung des traditionellen Begriffs der Sportpsychologie („Sport Psychology“) in Richtung „Sport and Exercise Psychology“ entwickelt hat. Dieser Unterscheidung ist man in den deutschsprachigen Ländern nicht gefolgt. Hier fasst man unter dem Dach der Sportpsychologie die Themenbereiche Leistungssport, Gesundheitssport und motorisches Lernen und motorische Entwicklung zusammen.

Arbeiten Sportpsycholog*innen ausschließlich mit Spitzensportler*innen zusammen oder gibt es noch andere Akteure, für die die Interventionen relevant sein könnten?

Umschlag von "Sportpsychologie"Sportpsycholog*innen, die im Spitzensport tätig sind, müssen das gesamte Setting der Athlet*innen im Blick haben. Sie arbeiten mit Trainer*innen, Betreuer*innen, Offiziellen der Verbände und Vereine zusammen. Da kann es z. B. darum gehen, Prozesse der Trainingsorganisation zu strukturieren, Kommunikationsprozesse zu verbessern oder die duale Karriere von Nachwuchssportler*innen zu unterstützen. Ein klassisches Thema der Sportpsychologie ist das Burnout von Trainer*innen. Eine Vielzahl von Aufgaben ließe sich anführen, die die Organisation des gesamten Settings betreffen. Der Leistungssport stellt ein komplexes System dar, in dem auf unterschiedlichen Ebenen sportpsychologische Expertise gefragt ist. Wie bereits vorher ausgeführt, beschäftigen sich Sportpsycholog*innen aber auch mit dem Gesundheitsbereich und der Motorik. Dabei werden nicht nur Athlet*innen, sondern z. B. auch Patient*innen aller Altersklassen und Jugendliche ohne Leistungssporthintergrund hinsichtlich unterschiedlicher Themenkomplexe in den wissenschaftlichen Fokus genommen.

Welche psychologischen Themen sind in der Sportpsychologie besonders relevant?

Die gesellschaftliche Relevanz der Sportpsychologie lässt sich gut an drei Themenfeldern veranschaulichen. Zunächst geht es – wie schon angesprochen – bei der „Gesundheitsprävention“ um Fragen, wie wir Lebensstilveränderungen bei den Betroffenen bewirken können. Ein Thema, das in den letzten Jahren vermehrt in der Forschung untersucht wird, ist der Zusammenhang von Motorik und Kognition im höheren Alter. Auch hier spielen Aspekte der Prävention und Rehabilitation eine große Rolle. Als zweites sind sozialpsychologische Themen hervorzuheben. Gruppen, Mannschaften und Teams besitzen in den meisten Sportarten eine große Bedeutung. Im Sport lassen sich Strukturen und Prozesse bei Mannschaften sehr differenziert betrachten. Ergebnisse aus diesem Bereich könnten auch für andere Lebensbereiche relevant sein. Denken Sie an Gruppen und Teams im Wirtschaftsbereich, aber auch Teams bei der medizinischen Notfallversorgung. Drittens sei der Bereich der Motorik und der Persönlichkeitsentwicklung genannt. Exemplarisch haben wir in unserem Lehrbuch die Thematik des physischen Selbstkonzepts aufgegriffen, die vor allem für den Kinder- und Jugendbereich wichtige Ergebnisse aufzeigen kann. Sie ist relevant für die Entwicklungspsychologie und die Klinische Psychologie, z. B. wenn es um Körperbildstörungen geht.
Diese subjektive Auswahl soll die Vielfalt der Themen in der Sportpsychologie und die Bezüge zu Lebensbereichen jenseits des klassischen Sports nachvollziehbar machen.

Welche Ziele verfolgen Sportpsycholog*innen bei ihrer Arbeit? Mit welchen Methoden arbeiten sie, um ihren Klient*innen Hilfen bieten zu können?

Wenn wir uns wieder dem Bereich der Angewandten Sportpsychologie im Leistungssport zuwenden, dann müssen das Methoden zur Diagnostik, Intervention und Evaluation sein, die aufeinander bezogen sind. Erst wenn ein Problem angemessen diagnostiziert wird, lassen sich spezifische Interventionsmethoden ableiten. Man kann natürlich Interventionsmethoden nennen, die relativ häufig zum Einsatz kommen, etwa Methoden zur Stärkung des Selbstvertrauens, zur Optimierung der psychischen Regeneration, der mentalen Wettkampfvorbereitung oder Zielsetzungstrainings zur Optimierung der Motivation. Aus Sicht der Sportpsychologie ist zentral, dass die Methoden, die ja häufig ihren Ursprung in der klassischen Psychologie besitzen, für die Spezifika des Sports weiterentwickelt werden. Das kann dann auch Neuentwicklungen notwendig machen.
Sportpsychologinnen verfolgen als Ziele zum einen die Leistungsoptimierung der Athletinnen, legen aber zum anderen immer auch einen Fokus auf das Wohlbefinden und die Persönlichkeitsentwicklung.

Häufig hört man den Ausdruck „mentales Training“. Was kann ich mir hierunter vorstellen?

Der Begriff des „mentalen Trainings“ wird sehr unterschiedlich verwendet. Eine eher alltagssprachlich geprägte Auffassung bezieht sich auf alle Trainingsformen, die mentale Prozesse optimieren. Diese Begriffsverwendung scheint der des „Psychologischen Trainings im Sport“ zu entsprechen. Grenzt man den Begriff weiter ein, wird man sich sehr schnell einig, dass es um Trainingsformen geht, die Bewegungsvorstellungen beinhalten. Wir spezifizieren dies in diesem Lehrbuch weiter und analysieren solche Prozesse beim mentalen Training, bei denen Bewegungsvorstellungen zum motorischen Lernen (z. B. im Rahmen der Neuroreha) eingesetzt werden. Um diese enge Fassung des Begriffs zu verdeutlichen, verwenden wir dann den Begriff des „Simulationstrainings“.

Kann man auch als „Hobbysportler“ von solchen Techniken bzw. generell von Erkenntnissen aus der Sportpsychologie profitieren?

Im Prinzip natürlich ja! Denken Sie an den Freizeitsportler, der sich immer wieder motivieren muss, auch bei schlechtem Wetter Joggen zu gehen. Aber: man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass man sich nur genügend Wissen benötigt, um die Hürden zu umschiffen. Auch hier gilt, dass Interventionen von Fachleuten, also den Sportpsycholog*innen, geplant und durchgeführt werden sollten.

Ein starker Fokus Ihres neuen Lehrbuches liegt auf der experimentellen Forschung innerhalb der Sportpsychologie. Warum ist diese methodische Herangehensweise so wichtig?

Uns geht es zuallererst um die Vermittlung von empirischen Grundlagen, um die einzelnen Themenbereiche wissenschaftlich fundieren zu können. In unserem Lehrbuch werden an vielen Stellen klassische Experimente dahingehend überprüft, ob sie heutigen Standards entsprechen. Gleichzeitig möchten wir aufzeigen, dass es relativ neue Methodenansätze (z. B. Blickbewegungsanalyse unter realen Bedingungen oder neurowissenschaftliche Untersuchungen mit EEG oder fMRI) gibt, die zu überraschenden wissenschaftlichen Erkenntnissen geführt haben, und dass es sich lohnt, sich mit diesen Methoden auseinanderzusetzen.
Das muss nicht bedeuten, dass alle Sportpsycholog*innen entsprechende Experimentalmethoden beherrschen und selber Studien in diesem Bereich durchführen können müssen. Wir versuchen aber mit unserem Lehrbuch eine Orientierung zu geben, klassische und aktuelle Ergebnisse der Sportpsychologie einschätzen und für den eigenen Arbeitsbereich nutzbar zu machen.

Wie werde ich Sportpsycholog*in?
Haben Sie Tipps für Interessierte, die im Bereich der Sportpsychologie arbeiten möchte?

Ausgangspunkt einer sportpsychologischen Tätigkeit ist zunächst ein abgeschlossenes Master-Studium in Psychologie oder Sportwissenschaft. Seit einiger Zeit existieren auch einige wenige Sportpsychologie-Studiengänge. Die Absolventinnen dieser Studiengänge können am Curriculum „Sportpsychologie im Leistungssport“ der asp teilnehmen, das mit einem Zertifikat „Sportpsychologischer Experte/in (asp)“ abgeschlossen wird und mit dem man sich dann beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft für die Aufnahme in dessen Expertinnendatenbank bewerben kann. Auf diese Datenbank greifen im Weiteren viele Sportverbände und Sportorganisationen zurück. Das Curriculum mit dem Zertifikat und die Aufnahme in die Expertinnendatenbank stellen die wesentliche Eingangsbedingung dar, um als Sportpsychologin im organisierten Sport zu arbeiten.

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