Fidel Castro

Roman RhodeAnlässlich des Erscheinens der neuesten Biographie Fidel Castros im Kohlhammer-Verlag führten wir mit dem Autor Dr. Roman Rhode das folgende schriftliche Interview.

Fidel Castro kennen wir heute als alten, kranken Mann und vielleicht als Revolutionär aus der Mitte der 1950er Jahre. Was macht Castro für die Geschichte des 20. Jahrhunderts so wichtig?

In Kuba warf die Revolution von 1959 nicht nur die Gewaltherrschaft Batistas nieder, sie hatte auch Folgen von internationaler Tragweite. So ging es Castro darum, die wirtschaftliche und politische Abhängigkeit seines Landes von den USA zu überwinden. Damit stieß er den mächtigen Nachbarn im Norden vor den Kopf. Gleichzeitig weckte der selbstbewusste Auftritt des kubanischen Revolutionärs das strategische Interesse der Sowjetunion an Lateinamerika. Chruschtschow, der sich zu jener Zeit anschickte, Lenins Traum von der Weltrevolution in die Tat umzusetzen, sah nun auch die Möglichkeit, die USA direkt vor ihrer Haustür herauszufordern. Neben Berlin, wo 1961 die Mauer errichtet wurde, war Kuba sicherlich der „heißeste“ Schauplatz des Kalten Kriegs. Am stärksten gerieten die beiden Großmächte während der Kubakrise im Oktober 1962 aneinander, als die Welt am Rand eines Atomkriegs stand. Dennoch ist Castro nie ein bloßer Spielball der USA und der Sowjetunion gewesen. Zum einen schloss er sich der Bewegung der Blockfreien Staaten an, deren Vorsitz er zweimal ausübte. Zum anderen geriet Castro, der die Guerillabewegung in Lateinamerika offen unterstützte, in Konflikt mit der sowjetischen Politik der friedlichen Koexistenz. Sein politisches Sendungsbewusstsein reichte bis nach Afrika. Abgesehen von Che Guevara, der 1965 verdeckt im Kongo operierte, um eine weitere Front gegen den Imperialismus zu eröffnen, schickte der kubanische Líder Máximo reguläre Truppen nach Algerien, Äthiopien, Somalia und Angola. Freilich wirkte Castro nicht nur als Feldherr auf der Weltbühne. Im eigenen Land gelang es ihm, seine Herrschaft selbst dann noch zu behaupten, als die Sowjetunion zusammenbrach und deren üppige Wirtschaftshilfe ausblieb. Während der knapp 50 Jahre, die er als Staatschef amtierte, war Fidel Castro somit in drei wichtige Epochen des 20. Jahrhunderts involviert, die nicht zuletzt die eigene Herrschaft prägten: Entkolonisierung, Kalter Krieg, Zerfall des sozialistischen Blocks.

Das Buch stellt ja nicht nur die Revolution dar, sondern vor allem die folgende Geschichte der kubanischen Revolution. Sind die Kubaner nun Gefangene der Revolution oder haben Sie im Großen und Ganzen von der Umwälzung profitiert?

Umschlag von "Fidel Castro"
„Revolution“ bezeichnet im kubanischen Sprachgebrauch sowohl den Sturz der Batista-Diktatur als auch die anschließende politische und soziale Umgestaltung, die bis heute andauert. Zumindest von den grundlegenden Errungenschaften der Revolution hat das Gros der Bevölkerung profitieren können. Also von einem kostenlosen, flächendeckenden Gesundheits- und Bildungssystem, einer umfassenden Agrarreform sowie einem vorbildlichen Sport- und Kulturbetrieb. In Bezug auf die Sozialindikatoren – Lebenserwartung, Säuglingssterblichkeit und Analphabetenrate – ist Kubas Position im lateinamerikanischen Vergleich bis heute konkurrenzlos. Die Bildungschancen und das hohe Bildungsniveau der Bevölkerung stehen allerdings im Widerspruch zum autoritären System, das öffentliche Meinungsfreiheit und Partizipation stark einschränkt. Nach wie vor gibt der Staatsrat die Marschrichtung vor, und zur Kommunistischen Partei gibt es keine Alternativen. Die Bevölkerung, der es an politischen und bürgerlichen Rechten mangelt, bleibt von allen relevanten Entscheidungsprozessen praktisch ausgeschlossen.

Kuba ist ein Sehnsuchtsland der Deutschen, nicht nur wegen der Strände und des Klimas, sondern auch wegen der sozialen Errungenschaften, wenn wie gerade zurzeit nur die USA mehr Ärzte und Pfleger gegen Ebola in Westafrika aufbieten. Sind solche Vorstellungen gerechtfertigt oder gut gemachte Werbung für ein bitterarmes Land?

Wegen seiner sozialen Errungenschaften wurde Kuba vor allem in den unterentwickelten, von großen Einkommensunterschieden geprägten Ländern der Welt als ein Vorbild gesehen. Auch derzeit entsendet Kuba zehntausende seiner hervorragend ausgebildeten Ärzte auf internationale Missionen – die meisten nach Venezuela und Brasilien. Diese Einsätze lässt sich Kuba jedoch teuer bezahlen. Anders in Haiti und Westafrika, wo der kubanische Staat für die Kosten aufkommt. Im Kampf gegen Ebola bietet Kuba in Afrika übrigens weit mehr Ärzte und Krankenpfleger auf als die USA. In diesem Fall handelt Kuba nach dem Prinzip der internationalen Solidarität, was dem Inselstaat vor allem symbolisches Kapital einbringt. Der massive Ärzte-Export hat allerdings zu personalen Engpässen in Kuba selbst geführt. Außerdem fehlen dort – aufgrund chronischer Devisenknappheit – medizinische Geräte und Medikamente in den öffentlichen Krankenhäusern. Etwas Abhilfe verspricht sich die kubanische Regierung vom Gesundheitstourismus: Zahlkräftige Ausländer werden in modern ausgestatteten Kliniken behandelt, zubuchbar ist ein anschließender Strandurlaub. Einer der ersten prominenten Gäste war der argentinische Fußballstar Diego Maradona, der sich zum Drogenentzug nach Havanna begab.

Wird Kuba nach Fidels Tod ein anderes sein oder werden die Grundstrukturen erhalten bleiben, ist Castro für Kuba unersetzlich?

Nach dem Tod Fidel Castros, des modernen Archetyps der Revolution, wird sich die kubanische Politik in jedem Fall neu legitimieren müssen. Zwar hat Raúl Castro seit 2008 die Kontinuität des politischen Systems gesichert. Doch Raúl, das von ihm befehligte Militär und seine Technokraten stehen in Konflikt mit einem mächtigen Parteiapparat, der um seine Pfründe bangt und weitreichende Reformen blockiert. Nur wenn die Wirtschaftsreformen erfolgreich vorangebracht werden, können die Grundstrukturen – dazu zählen die sozialen Errungenschaften – erhalten bleiben. Einen offenen, ja sogar gewaltsamen Bruch mit dem gesamten System über Nacht halte ich für unwahrscheinlich, er ist aber auch nicht gänzlich auszuschließen. Die entscheidende Frage lautet: Wird sich in Kuba eine Zivilgesellschaft eigenverantwortlicher Akteure herausbilden können, welche die Zukunft ihres Landes demokratisch bestimmen? Im Grunde geht es dabei um eine Frage, die so alt ist wie die Revolution selbst: Was bedeutet politische Befreiung? Um wirklich selbstbestimmt zu sein, werden sich die kubanischen Bürger irgendwann auch vom Übervater der Revolution emanzipieren müssen.

Was hat Sie beim Schreiben der Biographie an Castro besonders überrascht, was mögen Sie an Castro und wo haben Sie mit ihm Probleme gehabt?

Im Februar 1998 sah ich eine siebenstündige Rede, die Fidel Castro vor der Nationalversammlung hielt. Sie wurde im Fernsehen an zwei Abenden ausgestrahlt. Castro sprach frei, seine Rede hatte Biss, sie war spannend, äußerst anschaulich und manchmal mit Ironie gewürzt. Für mich war das ein Erlebnis, ein Lehrstück in Sachen Rhetorik. Der Líder Máximo strahlte, ganz anders als viele andere Staatschefs, sein genuines Charisma aus. Das macht seine Person für viele – auch für Biografen – so faszinierend. Dazu kommen seine Willenskraft, die Aureole des siegreichen Kriegers, seine Intelligenz und jener revolutionäre Humanismus, mit dem er etwa in seiner Rede am 12. Oktober 1979 die UN-Vollversammlung beeindruckte. Castros Handeln war jedoch despotisch. Sein hohes Ideal von sozialer Gerechtigkeit, das er mit Leidenschaft vertrat, hatte auch jakobinische Züge. Gabriel García Márquez, der Castro gut kannte, sagte einmal, Fidel sei sein schärfster eigener Kritiker. Das ist eine treffende Charakterisierung, im Positiven wie im Negativen. Denn wenn jemand anderes in Kuba es wagte, Castro und seine Politik öffentlich zu kritisieren, konnte er verhaftet oder kaltgestellt werden. Der Schauprozess gegen den General und Helden der Republik Arnaldo Ochoa und seine Hinrichtung verursachten 1989 die größte politische Krise der Revolution. Zahlreiche Gefolgsleute und Intellektuelle gingen auf Abstand zum Líder Máximo, sogar ins Exil. Castros strahlende personale Herrschaft ist also durchaus ambivalent. Diese Ambivalenz habe ich auch beim Schreiben seiner Biografie verspürt. Es gibt keine Geisteswissenschaft ohne Werte und keine wertfreien Biografien. Einige Kubaner, mit denen ich auf der Insel und im Ausland befreundet bin, Künstler, kritische Wissenschaftler und Intellektuelle, begreifen sich noch heute als Revolutionäre. Sie würden gerne Rosa Luxemburgs berühmten Satz verwirklicht sehen, den diese auch gegen Lenin formuliert hatte: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“. Diesen Satz hatte ich beim Schreiben der Castro-Biografie im Hinterkopf.

Wir danken Ihnen für Ihre Mühe und Ihre Zeit.

Das Interview führte Dr. Daniel Kuhn.

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