Depression als Störung des Gleichgewichts

Prof. Daniel HellHerr Professor Hell, Sie haben Medizin studiert und haben sich später im Bereich der Klinischen Psychiatrie spezialisiert. Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie in diese Richtung geführt hat?

Ohne eigentliches Schlüsselerlebnis habe ich mich für Psychiatrie und Psychotherapie entschieden, weil ich durch diese Berufswahl beides, mein geisteswissenschaftliches und mein naturwissenschaftliches Interesse, zu befriedigen hoffte. Auch machte die Psychiatrie in den 70er-Jahren eine tiefgreifende psychosoziale Reform durch, die mich faszinierte und an der ich mitwirken wollte. Ich war vor allem an einer beziehungsorientierten Medizin interessiert.

Ihr Spezialgebiet sind die Depressionen. Können Sie uns erzählen, was die Depression so „spannend“ macht und warum Sie sich so eingehend damit beschäftigen?

Schwerer depressive Menschen sind äusserlich oft erstarrt. Sie scheinen reaktionsarm und langweilig. Innerlich sind sie aber meist sehr bewegt. Wer sich vertieft auf sie einlässt, lernt eine bewegende Psychodynamik kennen. Depressive Menschen ringen mit sich und ihrer depressiven Aktionshemmung. Therapeutisch dazu beizutragen, dass sich ihr Ausgebremstsein, „die verklemmte Bremse“, wieder löst, ist eine sehr befriedigende Aufgabe. Zudem sind viele depressive Menschen differenziert und vielschichtig.

Depression als Störung des Gleichgewichts

Vor Kurzem erschien in unserem Verlag Ihr Werk „Depression als Störung des Gleichgewichts“ in zweiter Auflage. Können Sie uns in kurzen Worten erklären, was sich bei einer Depression hochschaukelt und was dann aus dem Gleichgewicht gerät?

Meist werden Depressionen durch bestimmte soziale oder persönliche Belastungen ausgelöst, die für die Betroffenen besonders schmerzlich oder demütigend sind. Wenn es keinen unmittelbaren Ausweg aus der Belastungssituation gibt, reagiert der gefährdete oder erschöpfte Organismus unwillkürlich mit einer Art „Sicherheitshalt“. Körper und Geist werden ausgebremst, indem die körperliche und vitale Aktivität geschwächt bzw. deprimiert wird. Diese körperlich aufgezwungene Devitalisierung löst bei Betroffenen wiederum bewusste und gezielte Gegenreaktionen aus. Viele suchen sich zur Wehr zu setzen, indem sie gegen die wahrgenommene leib-seelische Blockade ankämpfen, sie aber nicht überwinden können. Dies führt zu erneuter Enttäuschung und im Sinne eines Teufelskreises zu einem dysfunktionellen Hochschaukeln der Depression.

Können Sie unseren Lesern einen Tipp mit auf den Weg geben, ob und ggf. wie man in seinem Alltag einer depressiven Krise bzw. Erkrankung vorbeugen kann?

Es gibt keinen sicheren Schutz vor Depression. Jedermann kann unter extremen Umständen oder durch eine körperliche Erkrankung depressiv werden. Aber das Risiko kann dadurch vermindert werden, dass jemand mit seinen Emotionen umgehen lernt und sich gegenüber den eigenen Gefühlen nicht verschliesst. Hilfreich ist auch, wenn es einem Menschen unter Belastungen gelingt, sich nicht mit negativen Gedanken, die dann aufkommen, zu identifizieren und sich daran zu erinnern, was man im Leben schon gemeistert hat.

Warum haben Sie sich dieses Thema für Ihr Buchprojekt ausgesucht?

Depressionen haben mich mein ganzes Psychiaterleben lang beschäftigt. Ich habe viel von depressiven Patientinnen und Patienten gelernt und viel darüber geforscht und geschrieben. Jetzt wollte ich einmal alles Frühere unter einem mir wichtig gewordenen Blickwinkel zusammenfassen – und zwar möglichst stimmig und verständlich. Das Buch ist meine „Summa“.

Was möchten Sie dem Leser mitgeben, bevor er Ihr Buch aufschlägt und liest?

Tun Sie sich keinen Zwang an. Sie können trotz des systematischen Aufbaus des Buches die einzelnen Kapitel gesondert lesen.

Gerne möchten wir Ihnen noch ein paar persönliche Fragen stellen:
Welches Symbol mögen Sie besonders gern und warum?

Das rote Kreuz. Es steht für Humanität und verbindet wie das christliche Kreuz irdisch Horizontales mit geistig Vertikalem.

Wie entspannen Sie am besten?

Beim Wandern in den Bergen mit meiner Frau oder beim Musikhören, am liebsten Bach, und beim Lesen von Literatur.

Kennen Sie eine schöne Achtsamkeitsübung, von der Sie uns erzählen möchten?

Es ist für mich schwierig, von Achtsamkeit zu reden, obwohl es mir viel bedeutet, immer wieder still zu werden, um mich eines Umfassenden bewusst zu sein.

Noch eine letzte Frage, welches Buch hat Sie zuletzt beeindruckt?

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums.

Prof. em. Dr. med. Daniel Hell, langjähriger ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli und Ordinarius für Klinische Psychiatrie in Zürich, leitet seit 2009 das Kompetenzzentrum Depression und Angst an der Privatklinik Hohenegg in Meilen bei Zürich.

Das Interview führte Joanna Amor.

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