Frau Prof. Domschke im Gespräch über ihr neues Werk „Angst in der Kunst“

Anlässlich des Erscheinens des neuen Bildbandes “Angst in der Kunst” führten wir mit der Autorin Prof. Katharina Domschke das folgende schriftliche Interview:

  • Liebe Frau Prof. Domschke, Sie sind eine international führende Expertin für Angsterkrankungen – warum sind Sie so fasziniert von den Spuren der Angst ausgerechnet in der Kunstwelt?

Die Angst ist zunächst einmal eine notwendige und sogar überlebenssichernde Grundemotion, ein Gefühl, das unsere Gesellschaft beschäftigt und das jeder einzelne von uns kennt. Als Psychiaterin und Psychotherapeutin spreche ich mit meinen Patientinnen und Patienten darüber hinaus aber auch über quälende, lebensverändernde Ängste. Das sind dann Ängste, die bei etwa 15 % unserer Bevölkerung zumindest zeitweilig zur Erkrankung geworden sind.
Im Gespräch über die Angst – sei es in unserer Gesellschaft oder in der Therapie – fällt mir auf, dass Worte oft unzureichend sind, diese Gefühle zu artikulieren. Das mag daran liegen, dass sich eine Emotion wie die Angst ohnehin der exakten verbalen Beschreibung entzieht, aber auch daran, dass die Angst manchmal einfach unaussprechlich schrecklich ist. Die bildende Kunst findet andere Wege des Ausdrucks, eine nonverbale Bild- und Formensprache, die einen alternativen Zugang zu diesem Gefühl erlaubt. Die in der Malerei, in Skulpturen, Fotografien oder Installationen visualisierte, materialisierte Angst wird dann plötzlich im wahrsten Sinn des Wortes anschaulich und begreifbar – und damit eben über das Wort hinaus unmittelbarer erfahrbar, verständlicher, erträglicher und vielleicht auch besser zu bewältigen.

  • Welches Konzept steht hinter Ihrem Buch „Angst in der Kunst“?

Umschlag von "Angst in der Kunst"Anhand von 70 Kunstwerken, die sich explizit mit dem Thema Angst, Furcht oder Schrecken auseinandersetzen, werden die verschiedenen Facetten der Angst beleuchtet – von kindlicher Angst bis zur Todesangst, von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ängsten, von ganz realen Ängsten bis hin zu Angsterkrankungen, von der Entstehung der Angst bis zu ihrer Überwindung, vom Stigma bis zur Prävention. Zu Beginn führt ein übergreifendes Konzept zu Angst und Angsterkrankungen systematisch in die Thematik ein, die einzelnen Abbildungen werden dann jeweils von einem Essay begleitet, der psychiatrisch-psychologische, aber auch kunsthistorische, philosophische, literarische, musikalische, gesellschaftliche oder theologische Bezüge herzustellen versucht. Es handelt sich also, wenn Sie so wollen, um ein mal ganz anderes Lehrbuch der Angst – eben aus dem primären Blickwinkel der Kunst.

  • Worin unterscheidet es sich von anderen Bildbänden?

Dieser kommentierte Bildband ist nicht einem bestimmten Künstler, einer bestimmten Stilrichtung, einer Epoche oder einer besonderen Ausstellung gewidmet, sondern stellt erstmalig die Angst als ein Gefühl ins Zentrum, das über die Jahrhunderte hinweg verschiedenste Künstler inspiriert und beschäftigt hat.

  • Wem möchten Sie Ihr Buch besonders ans Herz legen?

Mir ist daran gelegen, die Angst in ihren verschiedenen Facetten nicht nur der Fachwelt, sondern einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen. Wenn es um Gefühle geht, vor allem um unangenehme Gefühle wie die Angst, schaut man ja gern weg. Hier darf und soll man hinsehen! Ganz allgemein Kunstinteressierte wie am Phänomen Angst Interessierte, Laien wie Fachleute, Patienten wie Angehörige können hier der Angst sozusagen ins Auge schauen und vielleicht einige neue Aspekte dieses einerseits so wichtigen, andererseits nicht selten so quälenden Gefühls entdecken.

Neben der Psychotherapie, der Pharmakotherapie und anderen Fachtherapien stellt die Kunst- und Gestaltungstherapie eine ganz wesentliche Säule der Behandlung von psychischen Erkrankungen dar. Kunst- und Gestaltungstherapeuten begleiten die Patienten bei der Erforschung ihrer Gefühle und versuchen gemeinsam mit den Patienten, Ausdrucksweisen für ihre Empfindungen zu entwickeln. Oft macht es bei den Patienten den berühmten „Klick“, wenn sie ihre Gefühle dann in Form eines Bildes oder einer Skulptur richtiggehend anschauen oder anfassen – und, ganz wichtig, eben auch selbst umgestalten und verändern können.

  • Sehen Sie in der Kunst eine Möglichkeit für Betroffene, mit ihrer Angst umgehen zu lernen? Wenn ja, inwiefern?

Das bessere Verständnis von Angst, das Wissen um ihre Allgegenwart in unserer Gesellschaft, die Kenntnis der Symptome der Angst und ihrer Ursachen sind der Schlüssel für den Umgang mit der Angst. Wenn bekannte Gemälde und Skulpturen oder von den Patienten im Rahmen der Therapie selbst geschaffene Werke dazu beitragen können, Betroffenen ihre Angst verständlicher zu machen und sogar Umgangsweisen mit der Angst aufzuzeigen, kann dies tatsächlich der erste Schritt zur Heilung sein. Kunst ist eine Möglichkeit, die Angst vor der Angst zu verlieren und daraus neue Kraft zu schöpfen.
Die Künstlerin Anne Imhof hat das sehr schön im Zusammenhang mit ihrer dreiteiligen Installation „Angst“ formuliert: „Es geht ganz klar um Identität und Veränderung, darum, dass man über sich hinauswächst, dass man in einen anderen Zustand eintreten, dass sich eine neue Kraft daraus entwickeln kann.“

  • Gibt es Künstler, deren Leben oder Werk Sie bei Ihrer Recherche für das Buch besonders inspirierend fanden? Wenn ja, welche Künstler und warum?

Die große französische bzw. später US-amerikanische Künstlerin Louise Bourgeois ist sicher eine dieser besonders inspirierenden Persönlichkeiten. Bei der Recherche bin ich auf viele Notizen, Tagebucheinträge und Skizzen gestoßen, die ihre lebenslange künstlerische, aber auch psychoanalytisch begleitete persönliche Beschäftigung mit der Angst dokumentieren. Entsprechend ist Louise Bourgeois auch ganz zentral mit sechs Kunstwerken in meinem Buch vertreten. Besonders eindrucksvoll finde ich ein Werk, in dem sie die sprichwörtliche Fußfessel der Angst, eine große Sträflingskugel mit der Aufschrift „FEARS“ abgelegt hat – ein schönes Bild dafür, wozu dieses Buch hoffentlich ein Stück weit beitragen kann.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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