Von Opfern und Tätern


Dr. Jennifer Vanessa DobschenzkiAnlässlich des Erscheinens des Bandes Von Opfern und Tätern von Dr. Jennifer Vanessa Dobschenzki führten wir mit der Autorin das folgende schriftliche Interview:

Gewalt – so scheint es uns heute – prägte das Mittel­alter. War es tatsächlich so dunkel, gewaltbereit und gefährlich – man denke an Ritter, Kriege und Räuber – wie es uns heute zuweilen erscheinen mag?

Die Vorstellung vom „finsteren“ und dadurch auch gewalttätigen Mittelalter ist in unserer modernen Gesellschaft weit verbreitet. Diese Andersartigkeit – die Forschung spricht vom sogenannten Alteritäts­paradigma – ist dabei aber gleichzeitig auch Teil der Faszination, die vom Mittelalter auszugehen scheint. Dabei war auch das Mittelalter nicht eine Zeit allgegenwärtigen Totschlags. War diese Epoche aber tatsächlich so anders? Ein Blick auf die heute stattfindenden kriegerischen Auseinandersetzungen, die weltweite Terrorgefahr und die vorhandene Gewaltbereitschaft in bestimmten Teilen der Welt lässt dies zumindest zu einem bestimmten Maße fraglich erscheinen. Das Problem liegt in uns Menschen selbst. Um John Dryden zu zitieren: „Der Mensch bleibt immer der gleiche, auch wenn alles sich ändert“. Insofern unterscheiden sich die Menschen des Mittelalters meiner Meinung nach wenig von uns heute, nur die Lebensumstände haben sich, bedingt durch den technischen Fortschritt, geändert und dadurch meistens verbessert (zumindest für diejenigen, die nicht in Kriegs- und Krisengebieten leben).

Unterscheidet sich unsere Vorstellung und Erfahrung von Gewalt von dem des Frühmittelalters? Sind Gewaltformen und Gewalterfahrungen von Menschen im Frühmittelalter und der Jetzt-Zeit überhaupt vergleichbar.

Grundsätzlich sind Menschen heute in bestimmten Situationen und Gebieten der Welt Gewalt noch genauso ausgesetzt wie die Menschen des (Früh-)Mittelalters. Was sich aber geändert hat, ist die Quantifizierung des Tötens aufgrund der modernen Waffentechnik. Heute können viel mehr Menschen viel schneller getötet werden und die Welt erfährt im Medienzeitalter auch viel schneller davon. Aber Verbrechen wie Vergewaltigung oder Mord geschehen heute noch wie damals, wie uns tagtäglich in den Nachrichten vor Augen geführt wird. Auch das Enthaupten hat nichts von seinem Schrecken verloren. Dabei ist es völlig unerheblich, ob dies durch das Schwert eines Ritters geschah oder heute Menschen durch den Säbel eines Dschihadisten oder durch die Machete eines Kämpfers in Zentralafrika zu Tode kommen.

Sie haben sich ausführlich mit Lebensbeschreibungen von Heiligen in der merowingischen Zeit beschäftigt. Was lässt sich aus dieser Quellengattung erkennen, gelten die Heiligenbeschreibungen als zu formel- und legendenhaft, um etwas über die Menschen zu erfahren?

Umschlag von "Von Opfern und Tätern" Die Erforschung der hagiographischen Texte wurde lange Zeit vernachlässigt und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen. Einerseits galten die Lebensbeschreibungen als Produkte längst überkommenen Wunderglaubens, aus denen sowieso keine historisch verwertbaren Informationen herausgefiltert werden könnten. Andererseits sah man die Formelhaftigkeit als wesentliches Hindernis bei der Suche nach den „Menschen dahinter“ und der jeweiligen Abfassungszeit. Mittlerweile ist man von beiden Sichtweisen abgekommen und die Hagiographieforschung erfreut sich zunehmend größerer Beliebtheit. Gerade die Lebensbeschreibungen aus der Merowingerzeit bieten sich für eine intensivere Beschäftigung an, da diese trotz der gattungstypischen Regelhaftigkeit den Heiligen als Mensch sichtbar werden lassen und auch eher untypische Informationen enthalten, wie etwa über den Lebensalltag der Menschen, über die politischen Auseinandersetzungen zur Zeit der Abfassung oder über die Königsherrschaft der Merowinger. Dass die Hagiographie die wichtigste und quantitativ am häufigsten auf uns gekommene Quellengattung des 7. Jahrhunderts darstellt, ist im Übrigen ein deutlicher Hinweis auf die enorme Bedeutung der Viten in der damaligen Zeit. Dies hat auch die Forschung erkannt und widmet sich seitdem wieder verstärkt der merowingischen Hagiographie.

Die Merowingerzeit erscheint uns heute seltsam fern, was macht die Zeit von Dagobert, Chlothar und Childebert interessant, was sagt uns diese Zeit heute noch?

Die vermeintliche Ferne der Merowingerzeit ist auch ein wesentlicher Teil ihrer Faszination. In der modernen Populärkultur, man denke hier etwa an Dan Browns Buch „Sakrileg“, leben die Merowinger als sagenumwobenes Königsgeschlecht weiter. In der Geschichtswissenschaft dagegen, so zumindest mein Eindruck, gilt man ein wenig als „Exot“ oder „Paradiesvogel“, wenn man sich mit den Merowingern beschäftigt. Das liegt daran, dass man sich nicht so ganz einig darüber ist, ob man die Jahre von Childerichs I. Herrschaftsantritt 482 bis zur Herrschaftsübernahme der Karolinger 751 als Teil der Spätantike, Teil des (Früh-)Mittelalters oder gar als etwas ganz Eigenes begreifen soll. Dabei wurden gerade in diesen Jahrhunderten die Grundlagen für das christliche Abendland geschaffen. Am Anfang steht Chlodwig I., der sich katholisch taufen ließ und für ein Zusammenwachsen der Franken und der ansässigen Bevölkerung sorgte. In den Jahrzehnten danach folgte eine intensive Rezeption des Christentums und eine damit eng verbundene Ausbreitung der Klosterkultur im Frankenreich. Unter Dagobert I. wiederum wurde Paris endgültige Hauptstadt des Reiches und St. Denis zur Königsgrablege der französischen Könige. Auch die Tatsache, dass heute noch jährlich Martinsumzüge stattfinden, ist auf die Merowinger zurückzuführen, da diese Martin quasi zum Reichsheiligen erklärten. Diese wenigen Beispiele verdeutlichen bereits das Fortwirken und die Bedeutung der Merowingerzeit bis in unsere Gegenwart hinein.

Was hat Sie am Thema so fasziniert, dass Sie sich nun mehrere Jahre damit beschäftigt haben?

Das Interesse an der Merowingerzeit reicht bis zu den Anfängen meines Studiums zurück. Zu dieser Zeit lief auf ZDF auch die Reihe „Imperium – Vom Aufstieg und Fall großer Reiche“, in der natürlich auch der „Untergang“ des römischen Reiches besprochen wurde. Ich habe mich damals immer gefragt, ob es tatsächlich ein Untergang war. Denn die Nachfolgereiche und insbesondere auch das Reich der Merowinger, soviel wusste ich bereits aus dem Studium, haben die bestehenden römischen Strukturen weiterhin genutzt und auch versucht, sich etwa dem Bildungsniveau des ansässigen gallorömischen Adels anzugleichen. Das Interesse an hagiographischen Texten kam erst im späteren Verlauf hinzu. Die wenigen erzählenden Quellen der Merowingerzeit, allen voran Gregor von Tours, sind mittlerweile von der Forschung sehr gut bearbeitet, die Hagiographie dagegen weniger. Insofern lag es nahe, den Fokus auf die erhaltenen Lebensbeschreibungen heiligmäßiger Personen zu legen. Dass sich das Hauptaugenmerk auf körperliche Gewalt gerichtet hat, liegt daran, dass diese ein zentrales Thema in den Lebensbeschreibungen ist. Die enthaltenen „Gewaltgeschichten“ sind in gewisser Weise zeitlos, da sie auch heute noch funktionieren: sie „unterhalten“, erzeugen Spannung, regen zum Mitleiden und Mitfühlen an – nichts anderes also, was moderne Kinofilme oder historische Romane auch tun, die ja ebenso wenig ohne Gewalt auskommen.

Wir danken Ihnen für Ihre Mühe und Zeit.

Das Interview führte Dr. Daniel Kuhn

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