Geschichte des Weines in Baden und Württemberg


Reinhold WeberAnlässlich des Erscheinens des Bandes Die Geschichte des Weines in Baden und Württemberg, herausgegeben von Daniel Kuhn, Franz Quarthal und Reinhold Weber, führten wir das folgende schriftliche Interview mit Herrn Professor Dr. Weber (Universität Tübingen):

Als alkoholisches Genuss­mittel wird er einerseits sehr geschätzt, anderer­seits sind die Gefahren eines über­mäßigen Alkohol­konsums genau benannt. Welchen Stellen­wert hat der Wein heute in unserer Gesell­schaft?

Der Wein war schon immer ein besonderes Getränk. Im Mittelalter galt er als heiliges Getränk, da Wein in der christlichen Liturgie unverzichtbar war und in Teilen ja auch heute noch ist. In der Neuzeit war Wein ein günstiges Konsum­mittel, um das oft verkeimte Wasser trinkbar zu machen. Und in der Moderne errang der Wein den Status eines edlen, qualitätsvollen Genussmittels, das in Maßen genossen, das Herz jung erhält, anregend wirkt und gut schmeckt. Dass im Schönen und Guten auch Risiken liegen, ist ja nicht nur beim Wein so.

Gibt es Konjunkturen im Weingenuss oder war der Wein schon immer ein bedeutendes Getränk?

Im Laufe der Geschichte erlebte der Wein natürlich Konjunkturen. In der Antike wurde Wein gerne aus Griechenland und Italien getrunken, wenn man es sich denn leisten konnte. Ob zu dieser Zeit schon Weinbau im heutigen Baden-Württemberg praktiziert wurde, ist aufgrund der knappen Quellenlage nicht abschließend zu klären. Im Mittelalter bauten die christlichen Klöster den Wein an. Sie allein verfügten als eine Art industrieller Großbetrieb über die erforderlichen finanziellen und personellen Mittel, um den arbeitsintensiven Weinbau betreiben zu können. Über das gesamte Mittelalter hinweg ging aber stets Menge vor Qualität. In der Frühen Neuzeit bis ans Ende des 19. Jahrhunderts – unterbrochen von der „kleinen Eiszeit“ – breitete sich der Weinbau überall aus. Durch Realerbteilung entstanden eher kleine Weinberge, die weder Menge noch Qualität lieferten, aber den armen Bauern ein Zubrot brachten. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann man mit neugezüchteten Sorten, einer grundlegenden Flurbereinigung und maschinellem Einsatz zunehmend gute Qualitäten zu erzeugen. Das ließ zwar die schrittweise die Weinmenge zurückgehen, den Winzern sicherte das aber dennoch ein Auskommen.

Gibt es Gründe, warum der Wein als exklusives, das Bier aber als „Proletariergetränk“ gilt. Was macht die Faszination Wein aus?

Sicherlich spielen historische Gründe eine Rolle. Wein war, etwa verglichen mit Most, selbst in Weinbaugebieten verhältnismäßig teuer. Man musste sich den Wein leisten können. Bier hingegen war recht billig, wenig wohlschmeckend und hat mit dem heutigen Bier nur dem Namen nach zu tun. Die gesellschaftliche Wertschätzung der Getränke hat sich kaum geändert. Auch heute demonstriert man mit dem Weingenuss Bildung und Wohlstand, und sei es nur durch das spezielle „Weinwissen“ über Lage, Traubenart und Herstellungsweise. Dies ist gleichzeitig der Grund für das Faszinierende am Wein. Es gibt ganz unterschiedliche Geschmäcker vom mittlerweile geschätzten trockenen roten Wein bis zum weißen Edelsüßwein. Das Sprechen über den Wein ist in den letzten Jahren fast ebenso wichtig geworden wie der Konsum. Durch Weinwissen und öffentlichen Konsum des Weines kann man seine gesellschaftliche Position demonstrieren.

Was erfährt man, wenn man Ihr Buch liest? Ist es eine Weingeschichte, oder erfährt man mehr als nur Historisches?

Umschlag von "Geschichte des Weines in Baden und Württemberg" Die Geschichte des Weines ist zweifellos ein wichtiger Teil des Bandes, denn der Weinbau und der Weinkonsum unterscheiden sich in Antike, Mittelalter und Neuzeit doch ganz erheblich. Immer wieder wird das Verhältnis zum Wein neu bestimmt und ausgelotet, was das Getränk gesellschaftlich bedeutsam macht. Aber es finden sich auch viele andere Themen in dem Buch. So zum Beispiel eine Übersicht über die Weinregionen in Baden und Württemberg, die bevorzugten Traubensorten und ihre Bedürfnisse, die Wissenschaft vom Wein durch Weinbeschreibung und Weinforschungs­anstalten oder auch die bedeutende Rolle, die der Adel als Weinbergbesitzer und großer Weinveredler spielte – und teilweise noch immer spielt. Auch ist das Buch keine „Alkoholgeschichte“, sondern eine Kulturgeschichte des Weines über 2000 Jahre hinweg – verständlich, kompakt, informativ.

Und abschließend: Hat sich Ihr Blick auf den Wein und Ihren Weingenuss während der Arbeit an diesem Buch verändert?

Der Wein war für uns als Autoren schon immer ein interessantes Thema, denn am Wein lassen sich viele historische Prozesse verdeutlichen. Es lassen sich wirtschaftliche und gesellschaftliche Konjunkturen ablesen, und auch unsere Landschaft in Baden und Württemberg wäre ohne den Weinbau eine andere. Während des Schreibens wurde sicherlich das eine oder andere Glas geleert, denn Wein beflügelt – in Maßen genossen – ja auch die Sinne. Außerdem setzt die Beschäftigung mit Wein ja auch eigene Geschmackserfahrung voraus.

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