Interview mit Dr. phil. Meinolf Peters und Dr. med. Reinhard Lindner – „Psychodynamische Psychotherapie im Alter“

Anlässlich des Erscheinens des Bandes “Psychodynamische Psychotherapie im Alter” in der Reihe “Psychoanalyse im 21. Jahrhundert” führten wir mit den Autoren Dr. phil. Meinolf Peters und Dr. med. Reinhard Lindner das folgende kurze schriftliche Interview:

  • Was ist die Besonderheit bzw. der besondere Ansatz Ihres Buches?

„Psychodynamische Psychotherapie im Alter“ bietet die Vorteile eines klinischen Lehrbuchs, das eine Klammer bildet zwischen breiten theoretischen Ansätzen und erklärenden Fallbeispielen. Das hohe Alter über 80 Jahren wird besonders behandelt. Dabei werden zukunftsweisende Themen aufgegriffen, wie aufsuchende Psychotherapie, stationäre Psychotherapie, psychosomatische Behandlungen und Psychotherapie am Lebensende.

  • Sie beschreiben das 21. Jahrhundert als Jahrhundert des Alters. Können Sie dies kurz erklären? Mit welchen Herausforderungen sind/werden wir konfrontiert?

Umschlag von "Psychodynamische Psychotherapie im Alter"Im 21. Jahrhundert nimmt der Anteil an älteren und sehr alten Menschen mehr zu als jemals zuvor. Zudem gibt es Hinweise auf eine wachsende psychische Belastung Älterer in der Zukunft. Vor allem aber kommen Menschen ins Alter, die eine viel größere Bereitschaft und ein großes Interesse daran haben, ihre psychischen Probleme mittels Psychotherapie zu bewältigen.

  • Welche psychischen Störungen treten im Alter besonders häufig auf?

In der psychiatrischen Nomenklatur überwiegen depressive und Angststörungen im Alter. Wichtig sind aber auch kognitive Störungen sowie psychische Belastungen durch körperliche Erkrankungen. Aus einer psychodynamischen Perspektive spielt die Akzeptanz von Verlusten und Abschieden eine zentrale Rolle.

  • Wie genau können Psychotherapeut*innen älteren Menschen helfen? Wo liegen die Möglichkeiten und Grenzen einer Behandlung?

Neben den allgemein geltenden psychotherapeutischen Grundsätzen sollten Psychotherapeut*innen Älterer gute zeitgeschichtliche Kenntnisse haben, eine Bereitschaft, sich auf die die Langsamkeit des Alters einzulassen und eine unerschrockene Aufmerksamkeit für Menschen in existenziellen Krisen. Das Wissen um altersbezogene Prozesse und Veränderungen stellt eine wichtige Voraussetzung dar, die notwendige Empathie für ältere Patient*innen aufzubringen, die Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist.

  • Sind (angehende) Psychotherapeut*innen gut vorbereitet auf die schnell wachsende Bevölkerungsgruppe der über 60-Jährigen? Wie sieht es mit hochaltrigen Patient*innen aus – wird dem Umstand einer steigenden Lebenserwartung im psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildungskontext ausreichend Rechnung getragen?

Die spezifische Alterspsychotherapie ist noch nicht ausreichend Gegenstand der Ausbildung von Psychotherapeut*innen. Angesichts der demografischen Entwicklung ist dies jedoch unabdingbar. Derzeit kommt etwa dem Institut für Alterspsychotherapie eine wichtige Funktion zu, das spezielle Fortbildungen anbietet. Es wird sich insbesondere angesichts der bevorstehenden Studienreform bei den Psycholog*innen zeigen, ob dieses Thema zukünftig mehr in die Ausbildung integriert wird. Das Buch kann diesbezüglich eine wichtige Ergänzung sein und sollte Kolleg*innen ermutigen, sich mehr auf dieses Arbeitsfeld einzulassen.

  • Wie sieht es aktuell mit der psychotherapeutischen Versorgung älterer Menschen generell in Deutschland aus? Wie könnten Verbesserungen erreicht werden?

Die psychotherapeutische Versorgung der „jungen Alten“ hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Viel schwieriger ist es jedoch für Hochbetagte, Psychotherapie zu suchen und zu finden. Dies gilt besonders bei Multimorbidität und Immobilität. Anpassungen des Settings bei Erhalt der psychodynamisch-psychotherapeutischen Arbeitsfähigkeit, wie die aufsuchende Psychotherapie und Konsil-/Liaisondienste in Kliniken könnten hier die mangelhafte Versorgungslage verbessern. Die Finanzierung dieser, z. T. aufwändigeren Behandlungsformen sollte gewährleistet werden.

  • Haben Sie einen Rat für Betroffene und/oder deren Angehörige: Wie findet man Hilfe und wie sieht die beste Unterstützung aus?

Oftmals können gut informierte Hausärzt*innen die Weichen in Richtung Psychotherapie stellen. Zudem sollte der öffentliche Diskurs über das Altern, seine Belastungen und Chancen, wie auch die Hilfsmöglichkeiten bei Problemen die Psychotherapeut*innen mit einbeziehen.

  • Am Ende Ihres Buches wagen Sie einen Blick in die Zukunft des Alters. Was erwartet uns?

„Das Alter ist nichts für Feiglinge“, wie der Entertainer Blacky Fuchsberger es sagte. Die Herausforderungen, gerade des hohen Alters sind groß. Andererseits ist auch die Bereitschaft gewachsen, einander solidarisch und freundlich zu unterstützen, vielfältige Beziehungen einzugehen und zu pflegen. Gerade im hohen Alter gilt es, die Wünsche nach Freiheit und Unabhängigkeit mit den Wünschen nach Verbindung und Gebundenheit in Einklang zu bringen. Dafür können wir uns besser aufstellen, als vorhergehende Generationen.

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